Sonntag: Judika
Gottesdienstort: Weiherhof, Wintersdorf
Bibeltext: Hebräer 13, 12-14
Thema: Ausgrenzung
Predigttext:
Hebr 13,12-14
Darum
hat auch Jesus,
damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor.
So
laßt uns nun zu
ihm hinausgehen aus dem Lager und seine
Schmach tragen.
Denn
wir haben hier
keine bleibende Stadt, sondern die
zukünftige suchen wir.
Liebe Gemeinde,
”Draußen vor der Tür” war in
meiner Jugend
ein Theaterstück von Wolfgang Borchert. Wir haben dieses Stück der
Bearbeitung
eines Nachkriegsschicksals buchstäblich in uns aufgesogen. Es stand
symbolisch
für viele, die damals draußen vor der Tür waren, Kriegsverletzte,
Heimkehrer,
Flüchtlinge. Man ahnte aber schon, dass es in diesem Stück nicht nur um
ein
einzelne Schicksale ging, sondern um ein Lebensgefühl, das heute Dich
und morgen
mich auch betreffen kann, nämlich plötzlich darußen zu sein, draußen
vor der
Tür.
Ob mit oder ohne Krieg, mit oder ohne Stasi
und
Gestapo, mit oder ohne Kapitalismus oder Sozialismus, wer kritisch mit
seiner
Zeit umging und umgeht, findet immer Menschen, die draußen vor der Tür
sind,
sich so fühlen müssen, oder es auch tatsächlich sind. Manchmal bringt
sich ja einer
auch selbst ins aus, oft und oft aber ist es die Gemeinschaft, die
hinausdrängt, die Gemeinschaft eines Betriebes, eines Ortes, eines
Staates,
einer Gesellschaft. Im Betrieb nennt man das heute mobbing. In der
Gesellschaft
werden oft Klischees bedient, um auszugrenzen. Meistens beginnen sie
mit ”die”:
die Jugend, die Manager, die Arbeitslosen, die Ausländer, die
Politiker. Es
entstehen Pauschalurteile oder gar Feindbilder und im Nu ist eine
gesellschaftliche Gemeinschaft vergiftet.
Auch
in der Zeit der biblischen Welt gab es solche Menschengruppen die
draußen waren
und andere. Wir belegen sie mit vertrauten Namen: Zöllner etwa, aber
genauso
Frauen und Kinder, Behinderte natürlich, Kranke mit Aussatz, Lepra also.
Der Skandal Jesu war, dass er die
Grenzziehungen
durchbrochen hat, souverän pendelte er zwischen Grenzen von drinnen und
draußen
seiner Gesellschaft hin und her. Er hatte für den Zöllner und die
frommen
Pharisäer, die Kranken, für Mann oder Frau die gleiche Botschaft:
”Sündige
nicht mehr, halte Dich an Gott, folge mir nach!”. Und so sehen wir ihn
in
Diskussion mit Schriftgelehrten, im Gespräch mit Frauen und Kindern, am
Tisch
von Ausgegrenzten,
an der Matte von Kranken, Blinden und Lahmen.
Immer
war er bereit von den Saturierten und Etablierten hinzugehen zu den
Armen,
Elenden, Ausgegrenzetn und Sündern. Und war draußen vor der Tür.
Da war dann auch sein Platz als ihn die Rache
der
Gesellschaft traf und er als Verfehmter, Ausgestoßener, Rebell und
Gotteslästerer verurteilt und hingerichtet wurde, draußen vor dem Tor
der Stadt
auf dem Hügel Golgatha. Nur wenige durften damals erkennen, dass das
der
richtige Platz war mit dem Tor zum Reich Gottes.
Für
Christen ist der Weg zu denen ”draußen” als Auftrag geblieben, die
heutige
Kollekte für Diakonie ist nur eine kleine Erinnerung daran. Wo immer
Christen
leben haben sie das bis heute auf den Fahnen, zumindest in der Theorie,
nennen
wir es Diakonie, nennen wir es Nächstenliebe. Und das heißt, die Augen
offen zu
haben für die Nöte einer Zeit, die Hände für die betroffenen Menschen
zu regen
und vor Gott und den Menschen für die ”draußen” einzutreten.
Die ”draußen”, das sind die, die nicht
automatisch
teilhaben können und dürfen an dem gemeinschaftlichen Leben. Viele
gesellschaftliche Probleme, die wir heute beklagen, rühren daher, dass
wir
Menschen ”draußen” gelassen haben, oder sie nach ”draußen” gedrängt
haben. Die
Palette ist groß. Ich mag sie eigentlich gar nicht aufzählen, weil
jeder die
Namen kennt. Die Palette reicht von chancenlosen, gewalttäigen
Jugendlichen bis
hin zu Ausländerkindern der dritten Generation, die nicht deutsch
sprechen
können. Sie reicht von verzweifelt Jobsuchenden bis zu Menschen, die
zwar
arbeiten, aber davon nicht mehr leben können.
Und immer gibt es Menschen, die drinnen warm
sitzen
und andere, die draußen frieren.
Gleichzeitig wissen wir ja aber auch, wie
komplex
alles ist und wie der Einzelne eigentlich gar nicht machen kann. Dazu
haben wir
ja auch schließlich den Staat, auch Diakonie und andere
Hilfsorganisationen. Aber
welche Richtung Politik einschlägt hat vile mit uns zu tun. Natürlich
gehört
die Hilfe durch Geld dazu, an der sich jeder beteiligen kann. Aber das
meiste
spielt sich im Kopf jedes einzelnen ab. Wie ich denke über andere,
bleibt ja
nicht in mir allein, es setzt sich fort in Gesprächen, im Handeln. Das
denke ich,
ist Teil des Hinausgehens nach draußen, aus dem eigenen Denkschema:
sich in die
Lage der Menschen, um die es jeweils geht, derer, die am Rand sind,
warum auch
immer, hineinzuversetzen, Verständnis zu haben und natürlich dann auch
zu
helfen.
In dem Zusammenhang sehe ich auch das
bewundernswerte Engagement
von Gemeindegliedern hier am Ort für Asylbewerber und Flüchtlinge,
deren Not
und Schicksal durch das Lager uns vor Füßen liegt.
Das ist zum Beispiel eine Konkretion der
Nachfolge
Jesu nach ”draußen”.
Andere gibt es genauso, man braucht nur die
Zeitung zu
lesen.Und wie gesagt, im Denken und Reden über diese Menschen fängt es
an.
Auch das ist die zukünftige Stadt nach der
wir suchen:
Eine Welt mit mehr Liebe und Verständnis und mit mehr Frieden und
Gerechtigkeit.
Aber
es kommt für uns noch etwas ganz anderes hinzu. Drinnen und draußen ist
für
Jesus nicht nur eine gesellschaftlich Kategorie der Teilhabe. Sein
drinnen und
draußen orientiert sich an unser aller Gottesbeziehung, nach unserem
Vater im
Himmel.
Vielleicht fühlen wir uns drinnen, weil wir
zum
Gottesdienst gehen, etwas in die Kollekte werfen, weil wir glauben und
beten.
Und trotzdem spüren wir, dass da immer auch noch etwas anderes in uns
ist,
falsche Wege, mehr Angst als Gottvertrauen, Gleichgültigkeit gegenüber
anderen,
Unversöhnlichkeit. Wir spüren, wie wir immer wieder auch zum verlorenen
Sohn
werden, der sich vor Gott auf und davon macht, oft ohne es richtig zu
merken.
Plötzlich sind wir draußen aus unserer Gottesbeziehung, draußen aus dem
Anspruch
der Gebote, draußen aus der Nachfolge Jesu.
Es gehört zum Schicksal des Menschseins, im
Bilde
gesprochen ”aus dem Paradies zu gehen”, draußen zu sein. Der Fluch des
”ihr
werdet sein wie Gott”, des ”sollte Gott gesagt haben”, des ”sollt ich
meines
Bruders Hüter sein” lastet auf uns allen. Und so geraten wir immer
wieder
”draußen vor die Tür”, lebenslang und am schlimmsten, oft verlieren wir
”die
zukünftige Stadt”, Gottes Ewigkeit aus dem Blick.
Aber draußen, auch auf dem Feld unserer
Lieblosigkeit,
unserer Gottvergessenheit, ja unserer Schuld steht das Kreuz des HERRN.
Gottlob,
wenn dann einer, Du und ich, weiß, dass Jesus bis zur Stunde immer
wieder
heraus geht. In diesem Fall zu uns.ER gibt sich nicht damit zufrieden,
dass wir
draußen sind. ER will uns drin haben. ER will uns zum Herzen des Vaters
bringen.
Schließlich steht SEIN Kreuz auch auf dem
Feld unseres
Leids, das Kreuz. Mancher muss viel aushalten im Leben und fühlt sich
außerhalb
der Liebe Gottes. Wie oft klagen Menschen, ”wie kann Gott das zulassen”
und
meinen ihr eigenes Geschick.
Die Passionszeit lehrt uns auf das Kreuz zu
schauen
und daraus Kraft zu schöpfen, den Blick wieder heben können, weg von
den
Schmerzen, dem Kummer, der Schuld, hin zu dem, der uns in der
zukünftigen
Stadt, im Himmel, die Ostersonne scheinen lässt. Nicht dort, als
Zukunftperspektive unseres Glaubens, sondern oft und oft, sie auch
jeden Tag für
uns aufgehen lässt mit neuer Kraft und neuer Hoffnung und gestärktem
Glauben.
Es bleibt gewiss für alle, drinnen und
draußen:
”Wer dem HERRN vertraut, der wird SEINE Güte
erfahren”!
(Psalm 32, 10)
Amen!
Pfr. A. D. Horst D. Stanislaus, Zirndorf