zurückDatum: 9.03.2008

Sonntag: Judika

Gottesdienstort: Weiherhof, Wintersdorf

Bibeltext: Hebräer 13, 12-14

Thema: Ausgrenzung

 

 

Predigttext: Hebr 13,12-14

Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten  draußen vor dem Tor.

So laßt uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine  Schmach tragen.

Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern  die zukünftige suchen wir.

 

Liebe Gemeinde,

 

Draußen vor der Tür” war in meiner Jugend ein Theaterstück von Wolfgang Borchert. Wir haben dieses Stück der Bearbeitung eines Nachkriegsschicksals buchstäblich in uns aufgesogen. Es stand symbolisch für viele, die damals draußen vor der Tür waren, Kriegsverletzte, Heimkehrer, Flüchtlinge. Man ahnte aber schon, dass es in diesem Stück nicht nur um ein einzelne Schicksale ging, sondern um ein Lebensgefühl, das heute Dich und morgen mich auch betreffen kann, nämlich plötzlich darußen zu sein, draußen vor der Tür.

 

Ob mit oder ohne Krieg, mit oder ohne Stasi und Gestapo, mit oder ohne Kapitalismus oder Sozialismus, wer kritisch mit seiner Zeit umging und umgeht, findet immer Menschen, die draußen vor der Tür sind, sich so fühlen müssen, oder es auch tatsächlich sind. Manchmal bringt sich ja einer auch selbst ins aus, oft und oft aber ist es die Gemeinschaft, die hinausdrängt, die Gemeinschaft eines Betriebes, eines Ortes, eines Staates, einer Gesellschaft. Im Betrieb nennt man das heute mobbing. In der Gesellschaft werden oft Klischees bedient, um auszugrenzen. Meistens beginnen sie mit ”die”: die Jugend, die Manager, die Arbeitslosen, die Ausländer, die Politiker. Es entstehen Pauschalurteile oder gar Feindbilder und im Nu ist eine gesellschaftliche Gemeinschaft vergiftet.

 

Auch in der Zeit der biblischen Welt gab es solche Menschengruppen die draußen waren und andere. Wir belegen sie mit vertrauten Namen: Zöllner etwa, aber genauso Frauen und Kinder, Behinderte natürlich, Kranke mit Aussatz, Lepra also.

 

Der Skandal Jesu war, dass er die Grenzziehungen durchbrochen hat, souverän pendelte er zwischen Grenzen von drinnen und draußen seiner Gesellschaft hin und her. Er hatte für den Zöllner und die frommen Pharisäer, die Kranken, für Mann oder Frau die gleiche Botschaft: ”Sündige nicht mehr, halte Dich an Gott, folge mir nach!”. Und so sehen wir ihn in Diskussion mit Schriftgelehrten, im Gespräch mit Frauen und Kindern, am Tisch von Ausgegrenzten,

an der Matte von Kranken, Blinden und Lahmen. Immer war er bereit von den Saturierten und Etablierten hinzugehen zu den Armen, Elenden, Ausgegrenzetn und Sündern. Und war draußen vor der Tür.

 

Da war dann auch sein Platz als ihn die Rache der Gesellschaft traf und er als Verfehmter, Ausgestoßener, Rebell und Gotteslästerer verurteilt und hingerichtet wurde, draußen vor dem Tor der Stadt auf dem Hügel Golgatha. Nur wenige durften damals erkennen, dass das der richtige Platz war mit dem Tor zum Reich Gottes.

 

Für Christen ist der Weg zu denen ”draußen” als Auftrag geblieben, die heutige Kollekte für Diakonie ist nur eine kleine Erinnerung daran. Wo immer Christen leben haben sie das bis heute auf den Fahnen, zumindest in der Theorie, nennen wir es Diakonie, nennen wir es Nächstenliebe. Und das heißt, die Augen offen zu haben für die Nöte einer Zeit, die Hände für die betroffenen Menschen zu regen und vor Gott und den Menschen für die ”draußen” einzutreten.

 

Die ”draußen”, das sind die, die nicht automatisch teilhaben können und dürfen an dem gemeinschaftlichen Leben. Viele gesellschaftliche Probleme, die wir heute beklagen, rühren daher, dass wir Menschen ”draußen” gelassen haben, oder sie nach ”draußen” gedrängt haben. Die Palette ist groß. Ich mag sie eigentlich gar nicht aufzählen, weil jeder die Namen kennt. Die Palette reicht von chancenlosen, gewalttäigen Jugendlichen bis hin zu Ausländerkindern der dritten Generation, die nicht deutsch sprechen können. Sie reicht von verzweifelt Jobsuchenden bis zu Menschen, die zwar arbeiten, aber davon nicht mehr leben können.

Und immer gibt es Menschen, die drinnen warm sitzen und andere, die draußen frieren.

 

Gleichzeitig wissen wir ja aber auch, wie komplex alles ist und wie der Einzelne eigentlich gar nicht machen kann. Dazu haben wir ja auch schließlich den Staat, auch Diakonie und andere Hilfsorganisationen. Aber welche Richtung Politik einschlägt hat vile mit uns zu tun. Natürlich gehört die Hilfe durch Geld dazu, an der sich jeder beteiligen kann. Aber das meiste spielt sich im Kopf jedes einzelnen ab. Wie ich denke über andere, bleibt ja nicht in mir allein, es setzt sich fort in Gesprächen, im Handeln. Das denke ich, ist Teil des Hinausgehens nach draußen, aus dem eigenen Denkschema: sich in die Lage der Menschen, um die es jeweils geht, derer, die am Rand sind, warum auch immer, hineinzuversetzen, Verständnis zu haben und natürlich dann auch zu helfen.

 

In dem Zusammenhang sehe ich auch das bewundernswerte Engagement von Gemeindegliedern hier am Ort für Asylbewerber und Flüchtlinge, deren Not und Schicksal durch das Lager uns vor Füßen liegt.

Das ist zum Beispiel eine Konkretion der Nachfolge Jesu nach ”draußen”.

Andere gibt es genauso, man braucht nur die Zeitung zu lesen.Und wie gesagt, im Denken und Reden über diese Menschen fängt es an.

Auch das ist die zukünftige Stadt nach der wir suchen: Eine Welt mit mehr Liebe und Verständnis und mit mehr Frieden und Gerechtigkeit.

 

Aber es kommt für uns noch etwas ganz anderes hinzu. Drinnen und draußen ist für Jesus nicht nur eine gesellschaftlich Kategorie der Teilhabe. Sein drinnen und draußen orientiert sich an unser aller Gottesbeziehung, nach unserem Vater im Himmel.

 

Vielleicht fühlen wir uns drinnen, weil wir zum Gottesdienst gehen, etwas in die Kollekte werfen, weil wir glauben und beten. Und trotzdem spüren wir, dass da immer auch noch etwas anderes in uns ist, falsche Wege, mehr Angst als Gottvertrauen, Gleichgültigkeit gegenüber anderen, Unversöhnlichkeit. Wir spüren, wie wir immer wieder auch zum verlorenen Sohn werden, der sich vor Gott auf und davon macht, oft ohne es richtig zu merken. Plötzlich sind wir draußen aus unserer Gottesbeziehung, draußen aus dem Anspruch der Gebote, draußen aus der Nachfolge Jesu.

 

Es gehört zum Schicksal des Menschseins, im Bilde gesprochen ”aus dem Paradies zu gehen”, draußen zu sein. Der Fluch des ”ihr werdet sein wie Gott”, des ”sollte Gott gesagt haben”, des ”sollt ich meines Bruders Hüter sein” lastet auf uns allen. Und so geraten wir immer wieder ”draußen vor die Tür”, lebenslang und am schlimmsten, oft verlieren wir ”die zukünftige Stadt”, Gottes Ewigkeit aus dem Blick.

 

Aber draußen, auch auf dem Feld unserer Lieblosigkeit, unserer Gottvergessenheit, ja unserer Schuld steht das Kreuz des HERRN. Gottlob, wenn dann einer, Du und ich, weiß, dass Jesus bis zur Stunde immer wieder heraus geht. In diesem Fall zu uns.ER gibt sich nicht damit zufrieden, dass wir draußen sind. ER will uns drin haben. ER will uns zum Herzen des Vaters bringen.

 

Schließlich steht SEIN Kreuz auch auf dem Feld unseres Leids, das Kreuz. Mancher muss viel aushalten im Leben und fühlt sich außerhalb der Liebe Gottes. Wie oft klagen Menschen, ”wie kann Gott das zulassen” und meinen ihr eigenes Geschick.

 

Die Passionszeit lehrt uns auf das Kreuz zu schauen und daraus Kraft zu schöpfen, den Blick wieder heben können, weg von den Schmerzen, dem Kummer, der Schuld, hin zu dem, der uns in der zukünftigen Stadt, im Himmel, die Ostersonne scheinen lässt. Nicht dort, als Zukunftperspektive unseres Glaubens, sondern oft und oft, sie auch jeden Tag für uns aufgehen lässt mit neuer Kraft und neuer Hoffnung und gestärktem Glauben.

 

Es bleibt gewiss für alle, drinnen und draußen:

”Wer dem HERRN vertraut, der wird SEINE Güte erfahren”!

(Psalm 32, 10)

 

 

 

 

Amen!

 

 

 

 

Pfr. A. D. Horst D. Stanislaus, Zirndorf