Meine
liebe Wendelsteiner Gemeinde,
Nach 13 Jahren sage ich "Adieu". Nachher werden wir es uns gegenseitig
zusingen: "Zieht in Frieden Eure Pfade; mit Euch des großen
Gottes
Gnade ... ". Das ist ein ganz schöner Anteil an Jahren eines
Lebens. Es
ist wenig in der Geschichte einer Gemeinde, deren Pfarrer urkundlich
zurückgehen bis ins Jahr 1357. In der lückenlosen Auflistung
der
Pfarrer, der series parochorum, wie sie in Schlüpfingers Werk
über die
Geschichte Wendelsteins zusammengestellt ist, steht halt dann, wenn man
sie fortschreibt: Horst Stanislaus, 1994-2007. Es bleiben die Zahlen
für die Geschichte, es bleibt die Erinnerung, die Geschichte
Gottes mit
dieser schönen Gemeinde geht weiter.
Für mich
waren das erfüllte Jahre, voller Segen in meinem
Leben, trotz
schwerer Krankheit, Trauerzeiten im Pfarrhaus. Als ich vor 13 Jahren
hierherkam war ich ziemlich kraftlos, nach meiner Krankheit wieder. Ihr
habt mich aufgemöbelt in kürzester Zeit. Aber ich muss besser
sagen.
Der HERR hat seinen Wendelsteiner Engeln befohlen, mich
aufzumöbeln.
Und so konnte ich Euer Pfarrer sein. Ich meine ganz ernst, was ich
geschrieben habe: "es war ein Privileg, Euer Pfarrer sein zu
dürfen",
In allen Lebenssituationen scharen wir uns als Christen um das
Evangelium. Wir lesen ein Wort aus den Losungen, um den Tag zu beginnen
und uns von Gottes Wort tragen zu lassen. Wir stellen die großen
Tage
des Lebens unter ein Gotteswort, die Einschnitte, Taufen,
Konfirmationen, Trauungen, Beerdigungen, für einen Pfarrer die
Ordination, eine Installation und auch so einen Abschied wie heute.
Gelebtes Leben im Lichte des Wortes Gottes, mit dem Wort Gottes als
Begleiter, als Halt, als Trost, als Ermutigung, als Beflügler, als
Deuter des Lebens, dass es uns hilft im Gestrüpp des Lebens
"niemand zu
sehen als Christus allein", den HERRN, den HEILAND. Ich erinnere
mich
an das Christuswort aus meinen Konfirmationsspruch:
" ... niemand kommt
zum Vater, denn durch mich".
Das ist es, wovon
die Rede sein sollte, in jeder Predigt. Und den Mund
soll man nicht zu voll nehmen als Pfarrer. Jede Predigt, bevor sie den
Mund verlässt, gilt erst einmal dem eigenen Herzen, der eigenen
Schwäche, der eigenen Schuld. Mit jedem Wort der Predigt zeigt der
Heilige Geist auf die eigene Seele.
Und dann darf es frei und froh heraus. Ich habe gern Luthers bekannten
Rat befolgt: "Tritt frisch auf, mach's Maul auf..." Die Fortsetzung
habe ich allerdings nicht so gut beherrscht, wenn Luther riet: " ...
hör bald auf."
Aber wenn die treuste Gottesdienstbesucherin Bettina Rühllaut
aufgeschnauft hat, habe ich gewußt,
jetzt wird es zu lang.
Die Mitte der
Gemeinde ist das Hören auf Gottes Wort: Heute
begegnet
uns im Predigttext dieses Tages der Ruf Jesu:
Folge mir. Es
ist der
bleibende Ruf Jesu an uns alle, egal wo die Wege hinführen.
Zwei Dinge bei dieser Berufungsgeschichte, die dem Matthäus galt,
haben mich immer besonders berührt .
*
Der Ruf Jesu ereilt
einen sogar im ganz
säkularen Alltag.
Also nicht nur in den heiligen Momenten, natürlich da auch, wie in
der
Verklärungsgeschichte von vorhin, natürlich im Gottesdienst,
bei einer
Andacht, oder bei einer Beerdigung. Überall kann einen das
Evangelium,
um einen meiner theologischen Lehrer, Eduard Ellwein, zu zitieren,
"anspringen wie ein Löwe", Eben auch im ganz normalen Alltag:
Folge mir nach
heißt dann:
Geh nicht vorbei, wenn Dir Not begegnet, Jesus ist auch nicht
vorbeigegangen. Sei es ein einsamer Nachbar, ein Bettler in der
Fußgängerzone oder die feme Mama Wilhelmina mit ihren
Straßenkindern,
geh' nicht vorbei.
Der Ruf erfolgt, wenn wir etwas sehen, Leid anderer, wenn wir davon
lesen. Es ist, wie wenn automatisch in so einem Moment eine SMS kommt:
Folge mir nach.
Alle wissen wir, tief in uns, was das in so einer
Situation bedeutet. Wir sollten die SMS nicht wegdrücken. So ist
die
Diakonie entstanden und gewachsen als Werk der Kirche, auch hier in
Wendelstein, als die Schwestern Julie und Babett hier wirkten, an die
die Menschen sich bis heute erinnern. Pfarrer geraten in Vergessenheit.
Der Dienst der Schwestern ist in Erinnerung geblieben.
Folge mir nach
heißt dann:
In jeder Lebenssituation spüren lernen: Gott ist am Werk, jetzt in
diesem ganz alltäglichen Moment
ER will etwas von mir, Zeit für den anderen vielleicht, ein gutes
Wort
vielleicht, einen Moment Innehalten bei einer Entscheidung. Mit
Konfirmanden haben wir einmal Armbändchen geknüpft mit
Perlenbuchstaben
drin. W.w.J.d. "What would Jesus do?".
Eigentlich sollten wir Als Merkerle alle so ein Band tragen, wir sind
immer so vergesslich. Sich zu vergegenwärtigen, was Jesus wollte
und es
dann auch zu tun, so folgen wir Jesus nach.
Folge mir nach
heißt dann:
Da gibt es Situationen, da begegnet uns ganz hautnah ein Wort Gottes,
von einem Menschen gesagt, wie gesagt, bei einer Beerdigung vielleicht,
oder auf einer Grußkarte, oder jemand sagt: "behüt Dich
Gott", "pjiatdi
Pfarrer" hat der Girgl Wittmann immer zu mir gesagt. Wort Gottes im
Alltag.
Lass Dich beschenken von dem Wort des Evangeliums. Bezieh es auf Dich,
in Glück, in Leid, in alltäglichen Querelen, oder im Moment
des
Übermuts. Verlaß Dich auf die Stimme des HERRN, wohin er
auch führt.
Schrittmacher kann es Dir sein, SEIN Wort:
Vergiß nicht, was ER Dir Gutes getan hat ... Von allen Seiten
umgibst DU mich ...
Tu Busse ... Kommet her zu mir alle ...
Lass Dir an meiner Gnade genügen. .. Heute wirst DU mit mir im
Paradiese sein.
Es gibt keinen Lebensrnoment, keine selbstgesuchte Gottferne, wo ER
nicht anklopfen würde, uns zu sagen: Folge mir nach, lass Dich
beschenken mit der Liebe Gottes.
Folge mir nach
heißt dann:
Bekenne Dich zu Deinem Glauben. Es ist kein Anlass, damit hinter dem
Berg zu halten. Wir haben eine wunderbare Botschaft in unser Herz
bekommen, bereichernd für unser Leben. Es ist eine Botschaft, die
alle
brauchen könnten für ein erfülltes und geborgenes Leben.
Eine Botschaft
nach der die Menschen sich im Innersten sehen, manchmal, ohne es zu
merken.
Wir sehen, Rufe gibt es genug, mehr könnte aufgezählt werden.
Der Ruf
der Schöpfung mit den ersten Frühlingsblumen zum Beispiel,
der Ruf der
eigenen Lebesngeschichte, von uns immer anonym Schicksal genannt. Es
ist der Ruf des HERRN, was wir erleben.
Und das zweite, was mich immer an dem Menschen am Zoll bewegt hat, (der
das muss noch nachgetragen werden, nicht einen normalen
Alltagsberuf hatte, sondern einen Beruf des Abscheus und der
Verachtung,
jedenfalls nicht der Gottesnähe),
das Zweite ist die Reaktion. Lapidar, ohne Kommentar, ohne Wenn und
aber, ohne Warum? und ohne Was habe ich davon?
• Die Reaktion:
Er stand auf und folgte ihm.
Da zieht einer Konsequenzen, total, da krempelt einer sein Leben um,
wir kennen das noch einmal von Zachäus.
Mir imponiert das und es macht mir Angst. Wie total der Anspruch Jesu
sein kann. Matthäus wählt diesen Weg, weil er
überwältigt ist und von
einem Moment auf den anderen erkennt, das ist der Weg, nur der geht.
Nicht von jedem ist so ein Weg gefordert, aber immer wieder sind
Menschen in ihrem Glauben so einen Weg gegangen. In mancher
Heiligengeschichte taucht das auf oder wenn einer ins Kloster geht.
Auch die Worte der Bergpredigt Jesu haben so eine Radikalität.
Da sind uns meist feme Gedanken.
Wir ahnen aber etwas davon, dass es manchmal im Leben nötig ist,
einen
radikalen Schnitt zu machen, um weiters, eine neues Leben zu
ermöglichen.
Das Gleichnis vom verlorenen Sohn erzählt davon.
In aller Regel hindert der Lebensrahrnen, den Gott uns geschenkt hat,
nicht, den Weg des Glaubens zu gehen. Aber wir sollten ihn mitgehen und
immer wieder dem Ruf Jesu folgen und ihn auch im ganz normalen Alltag
erwarten und befolgen.
Glauben bereichert unser Leben, Liebe die geschenkt wird, beschenkt uns
selbst und Hoffnung legt sich ins Herz, Hoffnung für Zeit und
Ewigkeit.
Time to say good bye. Ihr wißt, wie schwer es mir ist. Ich sage
von
Herzen zu Euch "Gott befohlen". Gott liebt Euch, vergeßt es nie.
Pfarrer kommen und gehen, die Gemeinde bleibt und das Wort Gottes, das
ihr gilt, bleibt in Ewigkeit. So steht es auch auf der Zirndorfer
großen Glocke, die mir künftig schlagen wird.
" Verbum Domini manet in aerternum". Das Wort des HERRN bleibt in
Ewigkeit.
Auch da ruft es: Folge mir nach.
Der Staffelstab des Hirtenamts für diese Gemeinde des HERRN in
Wendelstein wird weitergegeben, zu säen, zu pflanzen, zu
wässern, zu
düngen, umzugraben vielleicht, je nach dem, was an der Zeit ist,
im
Sinne der Jahreslosung:
"Ich will ein Neues schaffen. Jetzt
wächst es auf. .. "
Amen!

|
Pfarrer Horst D. Stanislaus
Pfarrer in Wendelstein
bis 31. Januar 2007 |