zurück zur Predigtsammlung     750jahr.jpg    ÖkumenischerGottesdienst, Rathauspark; Markus 6,30-44, 19.7.2009

Pfr. Heinritz: Liebe Gemeinde, liebe Gäste

Heuer ist etwas los mit dem Feiern. Ein Fest folgt dem anderen. Heute hier das Bürgerfest, das Fest für alle Bürger in Wendelstein. Schön, dass Sie alle da sind.

Pfr. Scherr: 750 Jahre Wendelstein – das will schon gefeiert werden! Ein dreiviertel Jahrtausend, das ist doch was! Und die Wendelsteiner können ja auch feiern, das haben wir beide, Herr Pfarrer Heinritz ja schon erlebt, und dass die Marktgemeinde in die Mitte ihres Bürgerfestes einen ökumenischen Gottesdienst stellt und damit zeigt, ja wir brauchen den Segen Gottes für unseren Ort, das finde ich auch beeindruckend.

Pfr. Heinritz: Tja, nur das Wetter. Das spielt nicht so recht mit. Im Moment regnet es nicht. Aber gestern hat es vielleicht geschüttet.

Pfr. Scherr: Manche meinen: Wir Pfarrer hätten ja den Draht zum Himmel. Ein kurzer Anruf bei Petrus und gutes Wetter wird geliefert. Aber es muss einmal gesagt werden: Wir sind nicht verantwortlich! Die Katholiken jedenfalls nicht.

Pfr. Heinritz: Wir evangelische auch nicht! Wir waren ja alle ganz zuversichtlich. Wir haben uns ja nicht mal überlegt, was wir bei Regen machen sollten. Wir sind halt Pfarrer und keine Metorologen.

Pfr. Scherr:  Umso mehr freuen wir uns jetzt über all diejenigen, die da sind und mit uns feiern.

Pfr. Heinritz: Ob den Leuten schon der Magen knurrt und sie Durst haben?

Pfr. Scherr: Das 11 Uhr läuten ist vorbei und damit die Zeit für den Frühschoppen. Der Bratenduft dringt durch, da wird sich bald der Magen rühren.

Pfr. Heinritz: Es ist ein bisschen wie in der Lesung von vorhin: Da kamen 5000 Menschen, um Jesus zu hören und mit der Zeit kam der Hunger und der Durst.

Pfr. Scherr: So viele Menschen sind wir hier nicht! Dazu wäre ja auch kein Platz. Und Fisch und Brot – Sie wohnen ja gleich neben der Fischhandlung - haben Sie etwas dabei?

Pfr. Heinritz: Na Klar! (Fischdose und Brötchen auspacken). Für mich würde es langen. Und mit Ihnen würde ich auch teilen – auch wenn Sie katholisch sind!

Pfr. Scherr: Danke! Das ist aber nett von Ihnen! In unserem Bibelwort heißt es: Sie hatten fünf Brote und zwei Fische. Und Jesus nahm die Fische und nahm das Brot, dankte Gott und brach es, ließ alles austeilen und es wurden alle satt.

Pfr. Heinritz: Es gibt dazu eine interessante moderne Auslegung. Diese besagt: Als die Leute merkten, dass Jesus anfängt zu teilen, da wurden auch sie motiviert, nicht auf ihren Dingen sitzen zu bleiben und alles für sich selber zu behalten. Die ersten fingen an in ihren Taschen zu kramen und auszupacken und den anderen etwas abzugeben. Andere machte es ihnen nach. Und so wurden schließlich alle satt. Und es blieb sogar noch etwas übrig. Das wäre für eine Bürgerschaft ja ein gutes Vorbild. Wenn nicht jeder nur an sich denkt, sondern auch die anderen im Blick hat. Und wenn wir teilen lernen würden. Dann hätten alle genug zum Leben. Dann würden alle satt werden.

Pfr. Scherr: Letztlich geht es aber nicht nur um Essen und Trinken. Die Menschen brauchen zum Leben viel mehr: Gesundheit, gesicherte Zukunft, glückliche Beziehungen, Zufriedenheit, Orientierung im Leben und vor allem auch inneren Halt. Was die Menschen damals zu Jesus führte, war nicht der Hunger nach Brot, sondern der Hunger der Seele. Sie kamen zu ihm, weil sie nach seinen Worten hungerten.

Pfr. Heinritz: Hunger nach Worten. Das klingt gut. Die Sehnsucht nach einem Wort, das einen gut tut. Ob Menschen hier in Wendelstein, ob auch wir so einen Hunger kennen?

Pfr. Scherr: Ich denke schon. Wer kennt das nicht? Jeder Mensch braucht doch gute Worte – wenigstens hin und wieder. „Ich mag dich. Ich finde dich gut. Du kannst was.“

Pfr. Heinritz: Oder wie die Franken sagen: Passt scho! Wissen Sie, dass das ein hohes Kompliment von einem Franken ist? Wenn jemand sagt: Der Scherr, der passt scho! Dann will das wirklich was heißen!

Pfr. Scherr: Ja, auch uns Pfarrern tun solche Wort gut. Wir alle brauchen: Worte der Aufmunterung, der Anerkennung oder Worte der Zuneigung und Wertschätzung.

Pfr. Heinritz: Ja, es tut gut, wenn wir anerkennende Wort hören. Das ist wie Nahrung für die Seele. Das gibt einen Kraft. Die Botschaft Jesu damals war: Jeder Mensch ist für Gott wertvoll, auch die Armen, die Kranken, die Krüppel, sogar die Ausländer. Das war revolutionär. Damals dachte man: Wer im Leben den kürzeren gezogen hat, der wird schon selber schuld sein und von Gott bestraft. Und Jesus sagt: Nein. Gott wendet sich auch denen zu, die im Leben zu kurz kommen oder die außen stehen. Das war Nahrung für die Seele. Und das ist es bis zu heutigen Tag.

Pfr. Scherr: Für uns klingt das selbstverständlich, weil wir das in der Kirche so oft hören. Aber das dann selber auch zu leben, ist gar nicht so leicht: Einen jeden Menschen wert zu schätzen. In jedem Menschen ein gutes Geschöpf Gottes zu sehen.

Pfr. Heinritz: Ja, das ist eine Herausforderung. Immer noch auch zwischen Evangelischen und Katholischen. Natürlich sind immer wieder unterschiedlicher Auffassung, und dann trotzdem die Wertschätzung nicht zu verlieren. Das ist die Kunst. Also Herr Scherr, ich schätze sie schon. Sonst würden wir ja hier nicht miteinander stehen!

Pfr. Scherr: Danke Herr Heinritz, das Kompliment geb ich Ihnen gerne zurück und ich glaub, die Wendelsteiner wissen das auch, dass wir uns da doch gut verstehen und einander schätzen.

Aber mir kommt da noch ein weiterer Gedanke zum Evangelium in den Sinn: Jesus lässt die Menschen sich in Gruppen zu 50 und 100 lagern. Manche sagen: Er schafft Ordnung. Auch eine Gemeinschaft, eine Bürgerschaft lebt davon, dass es eine Ordnung gibt.

Pfr. Heinritz: Ja, schon richtig. Wo Menschen zusammen leben, braucht es eine Ordnung. Aber das finde ich jetzt nicht das wichtigste. Wir Deutsche neigen freilich manchmal die Ordnung zu übertreiben. Mein Motto: So viel Ordnung wie nötig, so viel Freiheit wie möglich.

Pfr. Scherr: … „Ordnung und Ordnung allein führt endgültig zur Freiheit. Unordnung schafft Knechtschaft.“, meint Charles Pierre Péguy.

Pfr. Heinritz: Wissen Sie, Herr Pfarrer Scherr, was ich an dieser biblischen Erzählung noch spannend finde?

Pfr. Scherr:Nein, was meinen Sie.

Pfr. Heinritz: Es wird ausgeteilt und am Ende bleibt noch etwas übrig. Zwölf Körbe voll. Mehr als man am Anfang hatte. Ich finde, das ist das Wunder von wirklicher Gemeinschaft. Man teilt miteinander und am Ende wird es mehr anstatt weniger.

Pfr. Scherr: Normalweise denken wir, wenn man teilt, hat man am Ende weniger. Als Kinder haben wir das so gesehen.

Pfr. Heinritz: Aber das stimmt nicht. Stellen Sie sich mal vor, wir würden nicht miteinander teilen. Niemand würde von sich etwas hergeben. Das wäre unser Untergang. Nur noch jede und jeder für sich. Das geht gar nicht. Jeder Arbeitnehmer gibt seine Arbeitskraft und seine Arbeitzeit. Die Unternehmerin teilt dafür seinen Ertrag mit Arbeitern. Jede Wissenschaft und jeder Fortschritt beruht darauf, dass man seine Erkenntnisse mit einander teilt. Und im Privatleben teilen wir unsere Erlebnisse und unsere Gedanken miteinander. Es ist ein Grundgesetz des Lebens: Wenn man mit einander teilt, Zeit und Kraft, Engagement und Freude, letztlich sogar das Leben, dann wird es nicht weniger, sondern mehr.

Pfr. Scherr: Und trotzdem haben wir Angst zu kurz zu kommen - warum? Weil das Teilen gerecht sein muss. Da darf nicht einer alles haben und die anderen nichts.

Pfr. Heinritz: So ist es. Und trotzdem, lieber Herr Pfr. Scherr, es muss jemand einfach anfangen. Jemand muss in Vorleistung gehen. So wie Jesus damals. Man kann nicht alles auf Heller und Pfennig gerecht berechnen. Es muss Menschen geben, die in Vorleistung gehen. Es braucht Menschen, die sich einsetzen und die teilen, ohne immer gleich zu berechnen, was springt am Ende für mich heraus.

Pfr. Scherr: Ja, meine Erfahrung ist: irgendwann und irgendwie kommt es auch wieder zurück, in welcher Form auch immer.

Pfr. Heinritz: Und dann hat man Ende vielleicht sogar mehr als zuvor. Dann habe ich sogar noch Proviant für die Zukunft.

Pfr. Scherr: Ja, das stimmt. Da könnte ich einiges erzählen, wie Menschen sich selbstlos eingesetzt haben und wie es ihnen selber schlecht ging, haben sie es wirklich zurück bekommen, aber das haben Sie auch schon in Ihrer Zeit als Pfarrer von einigen erzählt bekommen.

Pfr. Heinritz: Und was mache ich jetzt mit meinen Fisch und mit meinem Brötchen. Wenn ich das mit Ihnen dann teile wird es nicht mehr.

Pfr. Scherr: Doch! Ich lade sie dafür ein zu einer Radlerhalbe. Und dann unterhalten wir uns noch gut miteinander und mit den Leuten. Das ist dann am Ende ein echter Gewinn.

Pfr. Heinritz: Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen