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Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

Wie jedes Jahr sollte auch in diesem Jahr ein Krippenspiel am Heilig Abend in der Dorfkirche vorgeführt werden. Und wie immer sollte das die sechste Klasse übernehmen. Mitte November begann der Lehrer mit den Vorbereitungen. Die verschiedenen Rolle mussten besetzt werden. Für jede Hauptrolle ließ sich leicht ein Kind finden. Maria, Josef, die Hirten, der Engel, die Könige, alle Rollen waren schnell vergeben. Nur den engherzigen Wirt, der Maria und Joseph an der Tür zurückweisen sollte, wollte keiner spielen. Die Rolle war zu kurz und zu klein. Der Wirt zu abweisend. Da hatte ein Junge aus der Klasse eine Idee. Sein kleiner Bruder Timm sei zwar erst 7 Jahre alt, aber er würde durchaus in der Lage sein, diese unbedeutende Rolle zu übernehmen. Schließlich musste der wird ja nur im richtigen Augenblick das Fenster des Wirtshauses öffnen und einen einzigen Satz sagen, nämlich, dass kein Zimmer frei sei und die Herbergssuchenden woanders hingehen sollten.

Der Lehrer stimmte zu, den kleinen Timm eine Chance geben. Also erschien er zur nächsten Proben mit seinem großen Bruder. Timm war stolz mit den Großen spielen zu dürfen. Er wollte gern der Wirt sein. Mit Wirten hatte der gute Erfahrungen gemacht, wenn die Familie in den Ferien verreiste. Die Kulissen für das Krippenspiel waren noch nicht aufgebaut. Timm stand also vorne mitten in der Kirche und es fiel ihm leicht zu sagen: „Nein, ich hab kein Zimmer frei. Geht woanders hin! Sucht Euch eine andere Bleibe!“

Kurz vor Weihnachten wurde Timm krank. Bei der Generalprobe konnte er nicht dabei sein. Zum Glück wurde er bis zum Weihnachtsgottesdienst wieder gesund. Er erschien pünktlich eine halbe Stunde vor Gottesdienstbeginn. Überwältigt bliebe er vor der Attrappe seiner Herberge stehen: sie hatte ein vorstehendes Dach, eine leuchtende Laterne und ein Fenster, dass sich aufklappen ließ. Timm wurde gezeigt, wie er auf das Klopfzeichen von Joseph die Läden aufstoßen und dann seinen Satz sagen sollte. Das Krippenspiel begann. Maria und Joseph kamen herein, sie wanderten schleppenden Schrittes durch den Mittelgang der Kirche zur Herberge und klopften. Timm öffnete die Fensterläden. „Habt ihr ein Zimmer für mich und meine schwangere Frau frei?“ fragte Josef. – „Ja gerne“, antwortete Timm freundlich, „kommt rein!“

Gespanntes Schweigen in der Kirche, erst recht auf der Bühne. Josef stammelte: „Ich glaube, Sie lügen.“ Die Antwort aus der Herberge war: „Nein. Ich finde schon noch Platz für Euch!“ Dass das Krippenspiel doch noch weitergehen konnte und Maria und Josef den Stall mit der Krippe erreichten, war Josephs Geistesgegenwart zu verdanken. Nach einer weiteren Schrecksekunde nahm er einfach Maria an der Hand und wanderte ungeachtet des Angebotes weiter bis zum Stall.

Nach dem Gottesdienst waren in der Sakristei alle mit den kleinen Timm beschäftigt. Zornig waren sie auf ihn. Der Lehrer musste ihn in Schutz nehmen. Timm erklärte, das Joseph so eine traurige Stimme gehabt hätte, da hätte er nicht Nein sagen können und zuhause hätten sie auch immer Platz für alle, notfalls auf einer Luftmatratze. Der Lehrer zeigte Mitgefühl und Verständnis. Das nächste Mal aber sollte er besser einen Engel spielen.

Liebe Gemeinde,

eine schöne, moderne Weihnachtsgeschichte ist das. Nicht nur, weil sie amüsant ist und von Kindern handelt. Sondern, weil der engherzige und barsche Herbergsvater überraschend in einen freundlichen und einladenden Wirt verwandelt wird, der doch noch irgendwie Platz in seiner Herberge macht. Das ist ja die Botschaft von Weihnachten: die Welt wird verwandelt. Die Menschen werden verwandelt. So viele Weihnachtlegenden und Geschichten erzählen davon. Weihnachten ist das Fest der Verwandlung.

Das kann man heute ganz konkret erleben. Man muss nur durch die Straßen laufen. Der Trubel der vergangenen Wochen hat aufgehört. Die Vorbereitungen sind zu Ende, ob man nun alles geschafft hat oder nicht. Ruhe kehrt ein. Ein geheimnisvoller Schleier legt sich über alles. Es ist die besondere Stimmung dieses Abend. Menschen werden am Heiligen Abend verwandelt: Von geschäftigen Leuten zu sehnsüchtigen Menschen. Da ist sie plötzlich: die Sehnsucht nach Frieden, nach Heil. Die Erinnerungen an die Kindheitstage tauchen auf und mit ihnen, die Hoffnung, dass Gottes Liebe uns ergreifen und verwandeln wird.

Weihnachten ist das Fest der Verwandlung. Schon damals in der Weihnachtsgeschichte war das so. Hirten, raue und oft auch gottlose Gesellen waren das, machen sich neugierig auf zu Stall und gehen erfüllt wieder weg. Weise und erhabene Männer, die gewohnt sind in Palästen zu verkehren, knien vor einem Kind in einer Futterkrippe in einem erbärmlichen Stall. Maria und Josef, einfache Zimmerleute, werden zum auserwählten Paar.

Und in eben jenem misslungenen – oder vielleicht gerade deswegen gelungenen – Krippenspiel von vorhin: da wird der abweisende, griesgrämige Wirt zum freundlichen Herbergsvater. Wie kommt es zu dieser Verwandlung?

Es fängt damit an, dass dem kleinen Timm die Not von Maria und Josef anrührt und ihn ihr Schicksal nicht kalt lässt. Damit fängt jede Verwandlung an. Dass wir uns anrühren lassen. Dass uns jemand anders nicht schnurzpiep egal ist. Dass wir mitfühlen, uns hineinversetzen in die Lage des andern.

Und plötzlich ohne viel Zutun verwandeln wir uns und mit uns sich auch ein kleinwenig die Welt. Wir werden menschlicher und nachsichtiger, hilfsbereiter und barmherziger, mit mehr Gemeinsinn und Zusammenhalt. Das brauchen wir auch bei uns: Menschen, die nicht nur an sich selber denken, sondern auch die sehen, die draußen sind, die vom Kuchen des Wohlstands immer weniger abkriegen und oft ganz konkret Not leiden.

Warum spenden so viele Menschen in den Wochen vor Weihnachten? Weil sie sich von dieser Not anrühren lassen. Sie lassen sich verwandeln. Und irgendwie merken sie wohl auch, dass die Botschaft von Weihnachten doch wahr ist: Frieden, Menschlichkeit, Liebe sind für uns Menschen lebenswichtig.

Weihnachten ist das Fest der Verwandlung. Auch Gott selber verwandelt sich. Er lässt sich anrühren von der Not seiner Menschen. Er will ihr Heil und wird selber Mensch. Gott selber kommt in die Welt in diesem kleinen Kind, um den Menschen nahe zu sein. Der ferne Gott kommt uns nahe. Der zornige Gott zum Gott des Friedens. Der verborgene Gott zum offenbaren Gott, der Licht und Heil und Frieden in diese Welt bringt.

Und wiederum: Wer diesem geheimnisvoll nahen Gott begegnet, wird verwandelt. Unzählige Verwandlungen gab da, in den vergangenen Jahrhunderten. Von Paulus über Luther bis Bonhoeffer, von Augustin über Franz von Assisi bis zu meinen Freund Jürgen. Unzählige Namen wären zu nennen. Auch viele Namen aus Wendelstein.

Wie kommt es zu dieser Verwandlung? Wenn du dich anrühren lässt von Gott. Dein Herz nicht verschließt. Wenn du Raum lässt für deine Sehnsucht, nach Frieden, nach Heil, nach Liebe. Wenn du dir eingestehst: du lebst nicht allein aus deiner Kraft. Du brauchst andere Menschen um uns herum. Und du brauchst die Kraft, die vom oben kommt. Dann wirst du merken, wie die Hirten auf dem Feld: Du bist wichtig, wertvoll, geliebt. Gott braucht dich auf dieser Welt, damit Frieden, Liebe und Gerechtigkeit vermehrt werde.

Dass Gott Euch anrührt in diesen Tagen und verwandelt, das wünsche ich euch zu Weihnachten. Ein frohes, gesegnetes Fest. Amen.

 

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen