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Grenzüberschreitung - Cornelius

Apg.10, 23.3.2008, Ostersonntag, St Georg  Pfr. N. Heinritz


Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.


Liebe Gemeinde,


Das Bibelwort für die Osterpredigt steht in der Apostelgeschichte im 10. Kapitel. Es ist ein Teil aus dem Bericht über die Bekehrung und Taufe des Cornelius. Cornelius war ja ein heidnischer, römischer Offizier, ein Hauptmann in der Garnisonsstadt Cäsarea. Nach einem Traum lädt er Petrus, den Leiter der ersten christlichen Gemeinde in Jerusalem, zu sich ein. Petrus geht tatsächlich zu diesem Heiden hin, obwohl es frommen Juden untersagt ist, mit unreinen Heiden Kontakt aufzunehmen. Im 10. Kapitel der Apostelgeschichte wird ganz deutlich, wie Petrus durch Gottes Wirken umdenkt. Gottes Liebe und Gottes Liebe gilt nicht nur den Juden, nein, durch Jesus gilt sie allen Menschen. Im Haus predigt Petrus nun vor Cornelius und den Verwandten und Bekannten, die dieser eingeladen hat. Und diese Predigt des Petrus ist unser heutiger Bibelabschnitt:

Petrus aber tat seinen Mund auf und sprach: Er hat das Wort dem Volk Israel gesandt und Frieden verkündigt durch Jesus Christus, welcher ist Herr über alle. Ihr wisst, was in ganz Judäa geschehen ist, angefangen von Galiläa nach der Taufe, die Johannes predigte, wie Gott Jesus von Nazareth gesalbt hat mit heiligem Geist und Kraft; der ist umhergezogen und hat Gutes getan und alle gesund gemacht, die in der Gewalt des Teufels waren, denn Gott war mit ihm. Und wir sind Zeugen für alles, was er getan hat im jüdischen Land und in Jerusalem. Den haben sie an das Holz gehängt und getötet. Den hat Gott auferweckt am dritten Tag und hat ihn erscheinen lassen, nicht dem ganzen Volk, sondern uns, den von Gott vorher erwählten Zeugen, die wir mit ihm gegessen und getrunken haben, nachdem er auferstanden war von den Toten. Und er hat uns geboten, dem Volk zu predigen und zu bezeugen, dass er von Gott bestimmt ist zum Richter der Lebenden und der Toten. Von diesem bezeugen alle Propheten, dass durch seinen Namen alle, die an ihn glauben, Vergebung der Sünden empfangen sollen.


Wenn man in der Apostelgeschichte weiterliest, erfährt man: Die Worte des Petrus hatten große Wirkung. Der Geist Gottes ergriff alle die zuhörten: Cornelius und seine Verwandten und Freunde und wer da noch alles zusammengekommen war, um diesen Fremden aus Jerusalem zu hören. Petrus und seine Begleiter staunen nicht schlecht. Das ist das letzte entscheidende Zeichen, dass Petrus sich nun auch den Nichtjuden öffnet. Er entschließt sich, Cornelius und alle andern zu taufen, was ihn, wie man später hört, tatsächlich Ärger in der Gemeinde eingebracht hat.

Ja, liebe Gemeinde,

ein österliches Bibelwort ist das. Warum? Weil es eine Geschichte der Grenzüberschreitungen ist. Das feiern wir ja an Ostern: Ostern - das Fest der Grenzüber­schreitungen. Wir feiern, dass Christus auferstanden ist. Gott hat Jesus nicht im Tod gelassen. Wir feiern, dass das Leben stärker ist wie der Tod. Die Hoffnung gewisser als die Angst. Die Liebe Gottes glühender als der Hass der Menschen.

Wir feiern Ostern und das heißt: wir feiern, dass Gott Mauern sprengt, die man für unüberwindbar hielt. Gott überschreitet Grenzen, wie wir uns Menschen das kaum vorstellen können. Ja, er überschreitet da sogar die Grenze unseres Begreifens und unserer Vorstellungsmöglichkeiten. Ostern ist das Fest der Grenzüberschreitungen.

Die Grenze, die im 10. Kapitel der Apostelgeschichte überschritten wird, die Mauer, die eingerissen wird, ist die zwischen Juden und Heiden, zwischen denen, die zu Gott gehören und denen, die als gottlos galten, zwischen denen drinnen und denen draußen. Denn allen Menschen gilt der Frieden und das Heil Gottes.

Man muss sich einmal vorstellen, was da damals passiert ist. Die ersten Anhänger und Anhängerinnen Jesu, die sich nach Jesu Tod und Auferstehung in Jerusalem zur ersten Gemeinde zusammenschlossen, waren alle Juden. Selbstverständlich musste, wer zu dem Juden Jesus gehören wollte, auch Jude sein. Nur so konnte man zu Gottes Volk gehören.

Und nun diese krasse Grenzüberschreitung. Petrus der Leiter der ersten Gemeinde nimmt auf Gottes Auftrag hin die Einladung eines heidnischen Soldaten an. Das aller erste Mal wendet sich Petrus an einen Nichtjuden. Mit gemischten Gefühlen wird er das getan haben, weil ja einem frommen Juden - und das war ja Petrus immer noch - der Umgang mit Heiden nicht gestattet war, schon gleich gar nicht das Haus eines Heiden zu betreten. Trotzdem besucht er den römischen Hauptmann und erzählt ihm und all den vielen Gästen die Cornelius eingeladen hat, von Jesus. Und schließlich tauft er sie sogar noch alle.

Das war bisher nicht denkbar, dass auch römische Soldaten und andere Heiden einfach so zur Gemeinde gehören sollen. Doch Petrus musste lernen, dass Gott die alten Grenzen sprengt. Wenn man das genau betrachtet, wird ja nicht nur Cornelius der Heide bekehrt, sondern Petrus. Was hier geschieht ist wirklich ein österliches Geschehen.

An Ostern geht also um Grenzen und Grenzüber­schreitungen. Gott überwindet Grenzen, er überwindet Aus-grenzungen, er überwindet die Grenze des Todes.

Und wir Menschen? Wie ist das mit unseren Grenzen? Wie ist das mit Grenzüberschreitungen? Im positiven, aber vielleicht auch im negativen Sinn? Für uns ist es ja ganz wichtig und wesentlich, dass wir wissen, welche Grenzen wir achten und respektieren sollten, ja nicht nur sollten, sondern auch wirklich müssen. Und wo wir aufgerufen sind, Grenzen auch zu überwinden. Und das auseinander zu halten ist oft gar nicht so leicht.

Grenzen kennen wir alle aus unserem eigenen Leben. Jeder Mensch hat seinen Grenzen. Manchmal muss man sich eingestehen: jetzt hab ich meine Grenze erreicht. Meine Grenze an Belastbarkeit, Mein Grenze an Fähigkeiten. Meine Grenze an Risikobereitschaft - oder wie auch immer diese Grenzen heißen mögen. Haben Sie das auch schon erlebt? An die eigenen Grenzen zu stoßen. Das kann einen manchmal ganz schön Mühe machen.

Seine Grenzen auszuloten, das ist eine lebenswichtige Aufgabe. Wir Menschen sind nicht grenzenlos. Wir können nicht alles. Gut, wenn wir merken, welche Grenzen wir besser nicht überschreiten sollten. Wer die Grenze der eigenen Belastbarkeit überschreitet, bricht zusammen. Wer die Grenze von Respekt und Achtung zu anderen überschreitet, verletzt und kränkt. Und jedes Menschliche Handeln und Forschen und Tun findet seine Grenze da, wo die Würde des menschlichen Lebens verletzt wird. Eine unverrückbare Grenze ist das, die man nicht überschreiten darf.

Am Anfang der Bibel, in der Erzählung vom Turmbau zu Babel erfahren wir, was es heißt, wenn der Mensch maßlos wird und alle Grenzen überschreitet. Es gibt sie auch die fatalen, schlimmen, negativen Grenzüberschreitungen. Und Gott möge uns davor bewahren.

Aber wir kennen auch das andere: Menschen, die ihre Grenzen zu eng ziehen. Da versteckt man sich hinter alten Regeln. Da heißt es: es war ja schon immer so. Da weiß man schon im voraus immer alles besser und lässt neuen Erfahrungen keine Chance. Da schließt man hinter sich die Türe zu, und sagt: Was gehen mich denn die anderen an. Da hat man Angst vor Neuem. Da traut man sich nichts zu. Da traut man anderen nichts zu.

Und welche Grenzen ziehen wir in unserer Kirche, in unseren Gemeinden? Welche Hürden bauen wir auf, dass sich Menschen schwer tun, zu uns zu kommen, sich zugehörig zu fühlen?

Es ist gut, seinen eingefahrenen Grenzen kritisch gegenüber zu sein und eben auch mal die Grenzüberschreitung zu wagen. Warum nicht einmal über seinen Schatten springen und etwas wagen, was man sich bisher nicht getraut hat, aber schon immer einmal wollte? Warum nicht einmal seinen Ehepartner zu Ostern überraschen, mit ein ganz verrückten und witzigen Idee? Warum nicht mal einfach die Sorgen sein lassen, den heutigen Ostertag einfach dankbar aus Gottes Hand nehmen? Auferstehung mitten im Leben. 

Warum nicht auch in unserer Gemeinde einfach herzlicher miteinander umgehen? Warum fremd Gesichter freundlich begrüßen? Warum nicht auch mit dem, der so ganz anders glaubt als ich, ein gutes Wort reden? Wir sind in der Gemeinde aneinander gewiesen. Da sind Grenzen zu überschreiten und nicht neu Grenzen aufzubauen.

Ostern das Fest der Grenzüberschreitung. Im Grunde war Jesus selbst eine einzige Grenzüberschreitung Gottes. Gott wird Mensch. Er trägt unseren Tod und besiegt den Tod. Davon erzählt Petrus dem Cornelius.

Gott braucht auch heute noch Menschen, die davon weitererzählen, dass Gott den Tod besiegt hat und die es wagen, auf das Leben zu setzen und nicht auf den Tod. Menschen, die mutig aufeinander zugehen, die das Leben eintreten. Gott braucht solche Menschen, die bezeugen: Das Leben ist stärker als der Tod. Dann wird es Ostern mitten unter uns. Amen.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

Pfarrer Norbert Heinritz, Wendelstein St. Georg /Arche