Mt 25,1-13, 22.11.2009, Ewigkeitssonntag, St. Georg und Arche - Seite 6

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

Totensonntag heißt dieser Sonntag heute, weil wir der Verstorbenen des jetzt zu Ende gehenden Kirchenjahres gedenken. Gleichzeitig heißt dieser Sonntag Ewigkeitssonntag, weil uns dieser Sonntag über den Tod hinaus in Gottes Ewigkeit blicken lässt.

Viele von Ihnen haben in den vergangenen 12 Monaten einen lieben Menschen verloren. Und wohl jeder und jede von uns heute, weiß, wie das ist, wenn man Abschiednehmen muss, von jemanden, der einen im Leben wichtig war: Von Vater oder Mutter, vom Opa oder der Oma, vom Ehemann oder der Ehefrau, von Bruder oder Schwester oder gar vom Sohn oder der Tochter. Jeder und jede weiß, wie sich das anfühlt. Da ist der Schmerz des Abschiedes. Da sind die vielen schönen Erinnerungen, die uns mit den Verstorbenen verbinden. Das ist der Dank, für die Zeit, die uns mit ihnen geschenkt wurde. Und vielleicht ist da auch die Hoffnung auf ein Wiedersehen bei Gott.

In einem meiner Beerdigungsgespräche wurde mir vom Enkel der verstorbenen Oma berichtet. 6 Jahre war der Bub alt. Als ihm von Tod er Oma erzählt wurde, sagte er: „Ein bisschen traurig bin ich schon. Aber jetzt ist die Oma im Himmel! Da hat sie es gut. Da werden wir sie dann einmal wiedersehen.“ Mich hat das berührt. Welch ein Glaube, welch eine Zuversicht und welche eine Hoffnung stecken in diesem Jungen. „Die Oma jetzt im Himmelreich.“ Und wie gut, ja leicht konnte so er mit dem Tod der Oma leben.

„Naiv und kindlich“, sagen wir Erwachsenen zu dieser Vorstellung. Wir sind ja längst der Unschuld dieses Jungen beraubt. Und doch: Auch wir brauchen Hoffnung. Und ich frage mich: Hat dieses Bub mit seiner Hoffnung vielleicht mehr verstanden als mancher von uns? Ist er nicht vielleicht sogar klüger als wir?

Jeden Sonntag wird Prediger und Gemeinde ein anderer Bibeltext aufgegeben. Heute geht es um Klugheit und Torheit im Blick auf die Zukunft. Das Bibelwort heute ist das Gleichnis Jesu von den fünf klugen und fünf törichten Jungfrauen. Ich lese aus dem Matthäusevangelium im 25. Kapitel:

Von den klugen und törichten Jungfrauen

Das Himmelreich wird gleichen zehn Jungfrauen, die ihre Lampen nahmen und gingen hinaus, dem Bräutigam entgegen. 2 Aber fünf von ihnen waren töricht, und fünf waren klug. 3 Die törichten nahmen ihre Lampen, aber sie nahmen kein Öl mit. 4 Die klugen aber nahmen Öl mit in ihren Gefäßen, samt ihren Lampen. 5 Als nun der Bräutigam lange ausblieb, wurden sie alle schläfrig und schliefen ein. 6 Um Mitternacht aber erhob sich lautes Rufen: Siehe, der Bräutigam kommt! Geht hinaus, ihm entgegen! 7 Da standen diese Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen fertig. 8 Die törichten aber sprachen zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl, denn unsre Lampen verlöschen. 9 Da antworteten die klugen und sprachen: Nein, sonst würde es für uns und euch nicht genug sein; geht aber zum Kaufmann und kauft für euch selbst. 10 Und als sie hingingen zu kaufen, kam der Bräutigam; und die bereit waren, gingen mit ihm hinein zur Hochzeit, und die Tür wurde verschlossen. 11 Später kamen auch die andern Jungfrauen und sprachen: Herr, Herr, tu uns auf! 12 Er antwortete aber und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Ich kenne euch nicht. 13 Darum wachet! Denn ihr wisst weder Tag noch Stunde.

Liebe Gemeinde,

ein hoffnungsvolles Bild von der Zukunft ist das. Auch wenn es vielleicht zunächst gar nicht so klingt. Aber dieses Gleichnis besagt ja, am Ende kommt nicht die Dunkelheit und der Untergang, sondern ein großes Fest. Der Bräutigam in diesem Gleichnis steht für Jesus am Ende der Zeiten, wenn er wiederkommt. Das war jedem Hörer und jeder Hörerin früher klar. Und das Hochzeitsfest steht für das Fest im Himmelreich, wenn sich alle wiedersehen und miteinander feiern. Jesus sagt: Darauf können wir hoffen, dass wir am Ende mit ihm im Himmel feiern.

Doch was ist vorher? Was ist mit diesen 10 jungen Frauen, oder vielleicht noch besser Mädchen? Die Freundinnen der Braut, die darauf warten den Bräutigam zu empfangen? Diese 10 Frauen stehen für uns. Wie sie sind auch wir Wartende.

Ich meine das zunächst mal ganz konkret. Wer einen Menschen verloren hat, kennt dieses Warten. Da wartet man darauf, dass die Tür aufgeht und er hereinkommt. Der Verstand weiß, er wird nicht kommen und doch die Seele wartet. Da klingelt das Telefon und es schießt einen in den Kopf, das wird die Mutter sein. Der Verstand weiß, dass sie nicht anruft, aber die Seele wartet.

Wir sind Wartende. Wir warten immer noch das Leiden und Scherz, Krankheit und Tod besiegt werden. Manchmal ist es so schlimm und erschütternd, was Menschen ertragen müssen, dass einem das Herz weh tut und auch mir die Worte fehlen. Der Verstand sagt uns: So ist die Welt. Der Tod ist schrecklich und unbesiegbar. Damit muss man sich abfinden. Aber Seele findet sich nicht ab. Sie sagt: da muss es doch mehr geben? Die Seele sehnt sich nach Frieden und Heil, nach Leben und Hoffnung.

Wir sind Wartende auf das Heil, auf Christus. Die Zeit kann einem dabei lang werden. „Wann wird es denn endlich besser? Wann kommt den Glück und Freude?“ Manchmal kann man fast den Mut verlieren. Manchmal scheint einem die Kraft auszugehen. Dann läuft das Leben auf Sparflamme und das Öl, das diese Flamme nährt, wird weniger.

Gut, wenn man in diesen Wartezeiten Öl zum Nachfüllen hat. Öl, das ist Kraft für die Seele. Der Vorrat, den man da innen braucht. Was kann das konkret bedeuten?

Öl - das können diese biblischen Worte sein, die einen Mut machen. Vielleicht den Ps 23:

Öl - das können Lieder sein, die von Gottes anderer Welt singen. Vielleicht ein Vers aus dem Gesangbuch: Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen, und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Öl - das kann ein Gebet aus Kindertagen sein, oder ein Stiller Moment in einer Kirche. Öl für die Seele, das können verständnisvolle Begegnungen sein, eine Umarmung vielleicht, ein gutes Wort.

Und das können die Erinnerungen an die eigene Kindheit sein. An die schönen, hoffnungsvollen Bilder, wie von dem Buben zu Anfang. Wir werden uns wiedersehen. Bilder, die nicht verloren gehen. Die wertvoll sind. In denen eine tiefe Kraft steckt.

Das Öl in unserem Gleichnis, das die Jungfrauen dabei haben, das sind die inneren Ressourcen, die man in seinem Leben hat. Jesu Gleichnis sagt: Klug ist der, der sich um seine Seele kümmert, der sich eine innere Vorratskammer anlegt, auf dich sich in dunklen Zeiten zurückgreifen lässt. Damit das Licht der Hoffnung nicht aus geht, wenn schwere und dunkle Zeiten kommen.

Aber was, wenn einem die inneren Vorrät doch zur Neige zu gehen drohen. Wer von uns könnte denn mit Gewissheit behaupten, genug innere Kraft zu haben, für alles was im Leben kommen kann?

Es klingt in unserem Gleichnis empörend, dass die fünf jungen Frauen, die genug dabei haben, nicht bereit sind mit denen zu teilen, denen das Öl ausgeht. Ist das nicht das Gegenteil von dem, was immer in unseren Kirchen gepredigt wird? Ich hadere mit diesem Teil des Gleichnisses. Hätte es nicht auch anders gehen können, dass sie abgeben und teilen und gemeinsam zum Fest ziehen.

Aber vielleicht liegt darin die Erkenntnis, dass man manches nicht auf die Schnelle teilen kann. Innere Kraft braucht Zeit zum wachsen, Hoffnung und Glaube zum Gedeihen und lässt sich nicht einfach schnell machen. Die Kraft eines Bibelverses entfaltet sich manchmal eben erst, wenn man es ein Leben lang mit sich trägt.

Am Ende steht jedenfalls das Hochzeitsfest. Ein großartiges Bild für das Himmelreich. So wird es einst sein, wenn Jesus wiederkommt. Wenn wir uns in seinem Reich wiedersehen. Wenn wir uns in die Arme schließen. Wir werden lachen und tanzen wie auf einer Hochzeit, uns die Geschichten von früher erzählen und feiern. Ein großes Fest der Ewigkeit. Hochzeit – Hoch-zeit – ein schönes Bild für das Himmelreich nach schon vielen irdischen Tiefs.

Ob am Ende jemand draußen stehen muss, wie die fünf törichten Jungfrauen? Ich weiß es nicht.

Es gibt in der Bibel auch andere Gleichnisse, wie das vom verlorenen Sohn. Er verprasst alles. Er wirft quasi sein Öl zum Fenster hinaus, bis er nichts mehr hat. Und darf dann doch wieder heimkommen zum Vater. Ich vertraue darauf: am Ende steht Gottes Barmherzigkeit.

Ich glaube, Jesus geht es mit diesem Gleichnis von den 10 Jungfrauen nicht so sehr darum, dass einige hineinkommen und andere bleiben draußen. Es geht ihm vielmehr um die Mahnung, nicht kurzsichtig zu leben und die inneren Vorräte nicht zu vergessen. Dass wir unsere Hoffnungen und Sehnsüchte, den Glauben und die Liebe nicht verkümmern lassen.

Ich wünsche Ihnen allen jedenfalls genug Öl für dunkle Zeiten: Tröstende Worte, aufbauende Begegnungen, zuversichtliche Gedanken. Ich wünsche Ihnen Glaube und Hoffnung, ganz einfach so, wie sie dieser 6-jährige Junge hatte. Dass wir uns im Himmel einst alle wiedersehen. Gott möge Ihnen das geben.

Amen.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen



Pfarrer Norbert Heinritz, Wendelstein