Joh 15,5, 16.2.2008,
Palmsonntag, Jubiläumskonfirmation St.Georg.
Hierzu eine Tonaufnahme der Predigt
Gnade sei
mit euch und Friede
von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Jubelkonfirmandinnen,
liebe Jubelkonfirmanden, liebe Gemeinde,
Christus spricht: Ich bin
der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm,
der bringt
viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.
Vielleicht denken Sie jetzt bei diesen Worten: ganz schön hoch gegriffen, diese Worte Jesu: Ohne mich könnt ihr nichts tun. Wie soll man das verstehen? Immerhin, Sie alle sind erwachsene Menschen. Sie haben in Ihrem Leben schon vieles getan und angepackt. Sie alle haben mittlerweile eine gehörige Portion Lebenserfahrung.
Vor 25, 50 oder 60 Jahren sind Sie konfirmiert worden. Die einen knapp 40 Jahr alt, die andern knapp 65 oder gar 75 Jahre alt. Die diamantenen Konfirmanden sind 1948 konfirmiert worden. Damals hat man in Deutschland angefangen, nach dem totalen Krieg sich vom totalen Zusammenbruch aufzuraffen. Da musste viel getan werden. Da musste angepackt werden.
Wahrscheinlich können die meisten von Ihnen sagen. Ja, ich habe schon einiges geschafft im Leben. Nicht wenige von Ihnen sind sicher auch stolz darauf, was Sie sich erarbeitet und erworben haben. Und die meisten von Ihnen haben dabei wahrscheinlich nicht an Jesus gedacht.
Wie soll man also diese Worte Jesu verstehen: Ohne mich könnt ihr nichts tun?
Diese Worte erinnern uns daran, dass es im Leben immer zwei Seiten gibt. Die eine Seite ist das Tun, das Anpacken, das Aufbauen, etwas aus sich machen, sich etwas erarbeiten und leisten.
Die andere Seite die Voraussetzungen, die es dafür braucht. Die Rahmenbedingungen, in denen ich das alles leisten kann. Bedingungen sind das, die ich nicht in der Hand habe und die ich auch nicht machen kann. Es sind die Sachen im Leben, die ich einfach nur empfangen kann.
Es fängt an mit dem Ort, an dem ich auf die Welt komme und aufwachse. Für die meisten von Ihnen war das Wendelstein. Für alle war es Deutschland. Niemand konnte sich aussuchen, hier auf die Welt zu kommen. Niemand. Und Ihr Leben hätte bisher ganz anders ausgesehen, wären Sie vielleicht in Pakistan oder Nigeria geboren.
Zum Rahmen unseres Lebens gehört die Zeit, in die wir hineingeboren werden. Da merkt man ja schon die Unterschiede, wenn man sich die Jubilare von heute ansieht. Die einen erlebten noch die Zerstörung dieses Landes. Die anderen - so wie ich - haben schon reichlich davon profitiert, dass hier auf deutschen Boden Demokratie und Freiheit Fuß fassen konnte.
Zum Rahmen unseres Lebens gehören die Menschen, denen wir begegnen. Auch das machen wir ja nicht. Das geschieht. Und es ist ein Geschenk Gottes, wenn man die richtigen Menschen im Leben trifft und lieben lernt und dann mit ihnen das Leben teilen kann.
Zum Rahmen unseres Lebens gehört die Gesundheit an Leib und Seele. Auch die können wir nicht einfach selber bestimmen.
Und ganz grundlegend gehört zum Rahmen unseres Lebens die Lebenskraft überhaupt. Diese Kraft, die uns jeden Morgen befähigt aufzusehen, unsere Dinge zu tun, zu denken, zu arbeiten, zu lieben, zu leben.
All diese Voraussetzungen und Rahmenbedingungen des Leben vergisst man so leicht, wenn man darauf schaut, was man im Leben alles schon geschafft hat. Aber ohne dem könnte man gar nicht da sein. Im Grunde ist es so, dass die wesentlichen Dinge im Leben Geschenk sind und wir halt da draus noch etwas machen.
Als Christen sagen wir dazu: Es ist die Gnade Gottes, unter der wir alle stehen. Und diese ist überschäumend groß – jeden Tag.
Wenn wir mal so auf unser Leben blicken, dann klingen diese Worte Jesu mit einem mal doch ganz anders: Ohne mich könnt ihr nichts tun. Ja, natürlich, ohne die Kraft des Lebens, die Jesus ja selber ist, könnten wir wahrhaft nichts tun.
Jesus spricht hier im Bild vom Weinstock und von den Reben. Er sagt: Ich bin Weinstock und ihr seid die Reben.
Vor meinem Haus in Worzeldorf, wo ich ja immer noch wohne, bis das Pfarrhaus nun endlich fertig ist, wurde vor vielen Jahren ein Weinstock gepflanzt. Als das Haus vor 10 Jahren saniert wurde, haben wir den Weinstock bis auf die Wurzeln zurückgeschnitten. Es war beeindruckend, mit welch einer Wucht und Kraft im Frühjahr aus diesem Weinstock die Reben ausgetrieben sind. Ein Wurzelast des Weinstocks wurde beim Umbau beschädigt. Da kam dann nur noch ein kleines Ästchen, das dann aber auch verkümmerte.
Mir wurde da noch einmal ganz besonders deutlich, was dieses Wort Jesu bedeutet: Ich bin der Weinstock und ihr seid die Reben. Die Frage ist nämlich, wo sind wir verwurzelt. Woraus ziehen wir unserer Kraft?
Eine ältere Frau hat mir vor einiger Zeit von ihrem Leben erzählt. Ihr einziger Sohn hatte sich eines Tage eine Kugel in den Kopf gejagt, einfach so. Niemand konnte sich wirklich erklären warum. Ihr Mann wurde bald darauf schwer krank. Ein Bein wurde abgenommen. Sie musste ihn pflegen. „Wenn ich meinen Glauben nicht gehabt hätte, Herr Pfarrer,“ sagte sie, „ich hätte das nicht geschafft!“
Ja, wo sind wir verwurzelt? Woher kommt unsere Kraft, gerade in den schwierigen und schweren Zeiten?
Im Glauben liegt so eine Kraft. Glaube, das ist ja nichts anders, wie mit Christus verbunden sein. Mit der Taufe ging es los. Hier steht der Taufstein in der Mitte. Heute mit der Taufschale und Taufkanne. Er erinnert uns: Christus hat uns an sich gebunden. Damals wurde uns gesagt: Du gehörst zu mir. Mein Segen soll dich begleiten. Dann später die Konfirmation. Unser Ja zu dieser Verbindung. Und unser Erwachsenwerden, unser Leben. Was ist daraus geworden, aus dieser Verbindung. Ein starker Ast? Eine lose Verbindung?
Ja, im Glauben liegt ein große Kraft. Glauben, das ist die Gewissheit: Ich bin nicht allein. Ich lebe nicht aus mir selber. Ich lebe von Gottes Liebe. Glauben, das ist diese Gewissheit. Ich bin eingebunden in diesem Rahmen des Leben. Das meiste im Leben wird mir geschenkt.
Und so ein Glaube hat Auswirkungen im Leben. Er ist nicht umsonst. Er verändert einen. Zu mehr Gelassenheit. Zu mehr Dankbarkeit. Auch zu mehr Barmherzigkeit mit den andern Menschen.
Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, sagt Jesus. Gottvertrauen, Glauben trägt im Leben Früchte.
In der Bibel werden die Früchte des Glaubens genannt: Liebe, Freude, Friede, Geduld, Sanftmut, Freundlichkeit, Güte. Wie wichtig es doch, auch das im Leben zu haben. Nicht nur etwas zu erreichen, etwas aus sich zu machen, sondern ein Leben gefüllt mit – modern würde man sagen – diesen weichen Faktoren: Liebe, mit Frieden, Dankbarkeit.
Wo haben Sie das erlebt und erfahren? Wo wurde damit Ihr Leben erfüllt?
Heute an der Jubelkonfirmation ist der Anlass, dafür Danke zu sagen: Danke für das, mit dem Gott unser Leben gefüllt hat. Danke für die Früchte, die aus dem Glauben gewachsen sind. Danke für die Tage, die wir hier einfach leben und erleben durften. Es ist nicht selbstverständlich. Wie viel bekommen wir im Leben von Gott und wie wenig sagen wir dafür Dank.
Christus spricht: ich bin der Weinstock und ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht. Ohne mich könnt ihr nichts tun.
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
Norbert Heinritz am 16.3.2008