Lk 17,5-6, 15.9.2007, Installation Wendelstein St.
Georg
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem
Vater, und dem Herrn
Jesus Christus. Amen.
Die Apostel
sprachen zu dem Herrn: Stärke uns
den Glauben!
Der Herr
aber sprach: Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein
Senfkorn,
dann
könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen:
Reiß dich aus und versetze
dich ins Meer!,
und er würde euch gehorchen. (Lk
17,5+6)
Liebe Gemeinde,
Stärke uns den Glauben!
So bitten die Jünger unter
dem Maulbeerbaum Jesus. Und so haben seitdem durch all die Jahrhunderte
hindurch Christinnen und Christen gebeten und gebetet: Stärke
uns den
Glauben! Darin steckt die Sehnsucht nach einen festen inneren Halt.
Darin
steckt der Wunsch nach Gottvertrauen, das Krisen und Tiefschläge
aushält. Darin
steckt die Bitte um die Kraft des Glaubens, die in dieser Welt das
Böse zum
Guten oder doch wenigstens mich mit meinen Schwächen zu einem
besseren Menschen
verwandelt. Und natürlich steht dahinter auch die Sorge: Die
Sorge, unser
Glaube könnte nicht reichen – zu schwach, zu lau, zu armselig.
Stärke uns den Glauben! Viele von uns heute werden diesen Wunsch kennen und diese Bitte schon öfter im Stillen oder auch laut dem Himmel entgegengesandt haben - gerade dann, wenn die Sorgen groß werden und einen der eigene Glaube so klein vorkommt.
Ich erinnere mich an das Gespräch mit einem jüngeren Mann, der gerade seine Frau verloren hatte: Krebs. Zwei Jahre lang Kampf und Leiden bis über die Grenzen des Erträglichen hinaus. „Wie soll man da noch glauben können?“, sagt er mir. „Ich würde ja so gern, aber ich kann nicht mehr!“
Stärke und uns den Glauben! Viele bewegt heutzutage wie auch schon in früheren Zeiten die Sorge um die Kirche und um den Glauben in unserem Land. „Ja, wenn da mehr Glauben wäre, dann würden auch wieder mehr Menschen die Gottesdienste besuchen!“, wird gesagt. „Wenn wir mehr Glaubenszuversicht ausstahlen würden, ja dann …“ Schon vor gut 170 Jahren hat Philipp Spitta gedichtet: Gib uns in dieser schlaffen und glaubensarmen Zeit die scharf geschliffnen Waffen der ersten Christenheit. In unseren Tagen entwickeln wir als Waffen Strategien und Konzepte, Leitbilder und sogenannte Leuchtfeuer. All das soll helfen, mit weniger Mitteln die Botschaft des Glaubens noch deutlicher erklingen zu lassen.
Natürlich kann so etwas die Pfarrer und Pfarrerinnen unter Druck setzen. Und oft genug setzen wir uns auch selber unter Druck. Wahrscheinlich kennen von euch, den Kolleginnen und Kollegen, alle diese Bitte auch aus ganz persönlichen Erfahrungen: Stärke uns den Glauben! Wenn einem manchmal die Luft ausgeht! Wenn einen angesichts des Leidens die Worte fehlen! Wenn einen Glaubensfragen und Zweifel packen.
In unserem Bibelwort werden die Jünger Apostel genannt. Viele Ausleger deuten das so, dass gerade diejenigen gemeint sind, die Verantwortung in der Gemeinde tragen und die Gemeinde leiten: die Amtsinhaber - die, die Glaubensstärke brauchen.
Stärke uns den Glauben! Sicher ist das heute auch der Wunsch vieler von euch an euren neuen Pfarrer. Was, wenn nicht das, ist die Aufgabe eines Pfarrers oder einer Pfarrerin: Den Glauben zu stärken! Die Botschaft Jesu weiterzutragen! Das Wort Gottes so zu predigen, das es Hirn und Herz der Hörer und Hörerinnen erreicht.
Die Wendelsteiner waren das schon immer anspruchsvoll. Noch vor den Nürnbergern sind 1524 evangelisch geworden. Sie haben darauf bestanden, ihre Pfarrer selber einzusetzen und auch zu entlassen. Mit dem ersteren bin ich ja einverstanden, mit dem zweiten warten wir noch ein wenig. Die Wendelsteiner wollten, dass die Pfarrer „das Wort lauter und unverfälscht predigen.“ – und so den Glauben stärken. So weit das in meiner Macht liegt, werde ich das tun – wenn Gott mir nur dazu hilft.
Mit dieser Bitte: Stärke uns den Glauben, sind wir also den Jüngern ganz nah. Diese haben gerade erst die Worte Jesu gehört: Wenn dein Bruder an dir sündigt und um Vergebung bittet, dann sollst du ihm vergeben, mindestens siebenmal am Tag. Was für eine Herausforderung! Und ihnen werden so manch andere Worte Jesu noch in den Ohren klingen. Da liegt die Bitte nach der Stärkung des Glaubens nahe.
Jesus hat seinen Jüngern damals unter dem Maulbeerbaum geantwortet: Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und versetze dich ins Meer!, und er würde euch gehorchen. Ich sehe die verdutzten Gesichter der Jünger vor mir. Was soll das nun wieder heißen? Ich höre sie reden. Thomas sagt: "Das ist doch alles ganz unmöglich! Keiner von uns kann Bäume ins Meer schicken. Noch dazu Maulbeerbäume, die so fest verwurzelt sind, wie kein anderer. Warum auch?" Petrus ist erbost: "Jesus, willst du etwa damit sagen, wir hätten überhaupt keinen Glauben? Was meinst du denn, warum wir alles haben liegen und stehen lassen? Uns ist es ernst mit dir und dem Reich Gottes!" Und Johannes fragt: "Was ist das für ein Glauben zu, der damit verglichen werden kann, Bäume ins Meer zu verpflanzen oder Berge zu versetzen? Was für eine Kraft für uns!"
Später werden die Jünger diesen Glauben erfahren. Keiner von Ihnen hätte damals unter dem Maulbeerfeigenbaum damit gerechnet, dass Jesu Weg nach Jerusalem am Kreuz enden würde. Aber ihr kleiner Senfkornglaube ließ sie Ostern erleben. Aus diesen Senfkornglauben wuchs ein Glaube, der die christliche Gemeinde durch Verfolgungen und Krisen hindurch am Leben erhielt.
Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und versetze dich ins Meer!, und er würde euch gehorchen.
Ja, wie soll man das verstehen? Es kommt darauf an, wie man aus dem Griechischen übersetzt. Das ist nicht nämlich ganz eindeutig. Man kann so übersetzen: Wenn ihr doch nur Glauben wie ein Senfkorn hättet, dann könntet ihr. Aber ihr habt ja nicht. Jesus als einer, der seine Jünger und Jüngerinnen desillusioniert? Ganz in dem Ton des Konjunktivs, den man manchmal auch in der Kirche hören kann: Ja, wenn man doch hätte und könnte und wollte…
Man kann auch indikativisch so übersetzen: Selbst wenn ihr auch nur so kleinen Glauben habt wie ein Senfkorn, dann könnt ihr Bäume versetzen. Jesus als der, der auch dem kleinsten Glauben ein unfassbare Kraft zuschreibt. Es stimmt ja: Wie viele von euch haben nicht genau das erfahren! Dass aus einem ganz kleinen Samen des Glaubens, sich eine große Kraft entfalten kann.
Glaube, Gottvertrauen – das ist ein Geschenk. Man kann Glauben nicht einfach machen. Das können Pfarrer und Pfarrerinnen nicht, mögen sie noch so überzeugend und engagiert sein. Das können Eltern bei ihren Kindern nicht, mögen sie sich noch so viel Mühe geben. Das kann man am wenigsten bei sich selbst, mag man sich da auch noch so anstrengen. Suchen können wir wohl, aber das Finden muss uns geschenkt werden.
Glaube mit eigener Kraft selbst machen zu wollen hieße ja, um im Bild Jesu zu bleiben, mit dem Hammer auf das Senfkorn zu schlagen, den Trieb gewissermaßen selbst heraustreiben zu wollen. Das geht schief. Man kann nie zu andern oder zu sich selber sagen: Du musst nur richtig glauben! So ein zwanghafter Glaube droht kaputt zu gehen, wie ein zerschlagenes Senfkorn.
Den Glauben kann man nur als Geschenk entdecken und wachsen lassen. Was ich tun kann: das Senfkorn zu gießen, zu Pflegen und mit Geduld zu warten, was dabei herauskommt. Das will heißen: die Frage nach Gott nicht aufgeben, die Sehnsucht nach Frieden und Heil und einer besseren Welt nicht begraben, auf Gottes Wort hören, beten, das meine Tun. Und schließlich einfach warten, was daraus wird.
So ein Glaube passt nicht so sehr in eine Zeit, in der alles machbar, planbar, organisierbar scheint. Ja, vielleicht hat sie noch nie richtig in unserer Zeiten gepasst, weil wir Menschen alles so gerne in der eigenen Hand haben möchten.
Auf die Bitte der Jünger Stärke uns den Glauben! also die Antwort Jesu: dem kleinen Senfkornglauben viel mehr zuzutrauen.
Zum Beispiel ganz konkret bei jenem Mann, der seine Frau verloren hat. Als Pfarrer oder Mitmensch den Schmerz und die Leere aushalten. Ihm nicht zu sagen: Du muss nur richtig glauben, dann wird es schon wieder. Sondern beistehen, mittragen und in seiner Sehnsucht und in seine Fragen, diesen Senfkornglauben entdecken, den Gott wachsen lassen kann.
Dem kleinen Senfkornglauben viel zutrauen, das heißt: diejenigen nicht vergessen, die nicht im Kern der Gemeinde mitmachen, sondern am Rand stehen. Sie suchen oft genug auch. Sie müssen uns als Gemeinde und als Christen auch ganz wichtig sein. Ihren Senfkornglauben darf man nicht verachten.
Dem keinen Senfkornglauben viel zuzutrauen, das heißt auch: in unserer Kirche bei allen sinnvollen und berechtigten Sorgen und Strategien und Maßnahmen, auch das sehen, was da alles aufblüht und gedeiht und schon längst wächst. Auf Gottes Wort zu hören und auf ihn zu vertrauen. Er wird seine Kirche schon erhalten, wo immer ihre Wege auch hin führen. Ich wünsche mir da manchmal einfach ein bisschen mehr Gelassenheit.
Dem kleinen Senfkornglauben viel zuzutrauen, das verstehe ich für uns Pfarrer und Pfarrerinnen so: das Unsere tun, so gut es geht. Die Grenzen unserer eigenen Kraft akzeptieren. Mit unsern Hoffnungen und unseren Zweifeln Menschen nahe sein. Samen des Evangeliums ausstreuen und hoffen, dass Gott wachsen lässt. Und vielleicht manchmal weniger auf uns selber zu sehen, als auf das, was in unseren Gemeinden vielfältig wächst. Gerade hier in Wendelstein konnte man in den vergangenen Monaten der pfarrerlosen Zeit sehen, wo viele angepackt und mitgemacht haben: Es hängt wirklich nicht alles an uns Pfarrern und Pfarrerinnen.
Ich will Jesu Worte heute so verstehen: Selbst wenn ihr auch nur so kleinen Glauben habt, wie ein Senfkorn, dann könnt ihr Bäume versetzen. Eine ungeheure Verheißung also in jedem noch so kleinen Senfkornglauben. Die ganze Kraft Gottes liegt darin verborgen. Im Kleinen sieht er schon das Große. Im Unscheinbaren entdeckt er das Bedeutsame. Im heutigen Tag schon Gottes große Zukunft. Uns bleibt da nur eines: Gott zu bitten: Stärke uns diesen Glauben. Amen.
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.