Luk. 9,57-62 15.03.2009, Okuli, St. Georg

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Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Predigttext

Vom Ernst der Nachfolge

57 Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. 58 Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.
59 Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. 60 Aber Jesus sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! 61 Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind. 62 Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

Liebe Gemeinde,

unser Bibelwort, dass wir vorhin gehört haben, ist ganz schön hart. Die radikalen Worte Jesu fordern zur Stellungnahme heraus. Ich kann mir gut vorstellen, dass dieser Text heute nicht nur kopfnickende Zustimmung hervorruft, sondern auch Erschrecken und zweifelndes Kopfschütteln. Soll wirklich so Nachfolge aussehen? Soll man so als Christ leben. Da macht Jesus dem einen deutlich, dass zwar die Füchse Gruben und die Vögel Nester haben, er aber nichts, wo er sein Haupt hinlege. Gehört zur Nachfolge also Heimatlosigkeit? Und dann kommt es noch dicker: Einen zweiten fordert Jesus gar auf, auf die Beerdigung seines Vaters zu verzichten. Lass Die Toten ihre Toten begraben: du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes. Ja, und selbst das Abschiednehmen soll nicht erlaubt sein, denn wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. - "Unmenschlich", "grausam", "zu radikal" - so mögen manche Äußerungen lauten. Und manche werden sagen: "Wenn das zum Christsein dazugehört, dann will ich kein Christ sein."

Und überhaupt, was hat das mit Diakonie zu tun. Mit der Arbeit drüben im Haus der Diakonie oder in der Ambulanten Pflege oder im Sternenkinderhaus. Geht es da nicht gerade drum, den alten Menschen etwas von ihrer Heimat zu bewahren, menschlich und würdevoll mit Sterbenden zuzugehen und Kinder so etwas wie ein sicheres Nest zu bieten!? Wie soll man diese Worte Jesu verstehen.

Die Worte Jesu lassen sich nicht vorschnell und ohne genau hinzusehen in unsere heutige, ganz andere Zeit übertragen. Jesu Situation war eine andere als die unsrige. Er war ein Wanderprediger. Einer, der - ohne eine feste Bleibe - durchs Land zog und vom anbrechenden Reich Gottes predigte. Anders konnte man gar nicht Wanderprediger sein. Jesu Leben war ein Zeichen seiner Botschaft. Nicht auf die äußeren Dinge, auf Geld, Besitz, Einkommen, Beruf, Essen und Trinken, sondern auf Gottes Wort. Der Mensch lebt nicht vom Brot allen, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Munde Gottes geht. Und alle, die damals mit Jesus zogen, sie mussten natürlich dieses Leben teilen. Ohne Wohnung, ohne Besitz, nur mit dem Blick nach vorne in Gottes Zukunft.

Mit Jesu Tod und Auferstehung änderte sich diese Situation. Zwar gab es immer noch christliche Wanderprediger - Paulus war einer von ihnen -, aber bereits die ersten Christen in Jerusalem schlossen sich zu einer Gemeinde zusammen. Und schließlich entstanden Ortsgemeinden in allen wichtigen Städten des römischen Reiches.

Es wäre also kurzschlüssig, rechte Nachfolge daran festmachen zu wollen, ob jemand seine gesicherte Existenz aufgibt, um Jesus nachzufolgen. An den einen oder die andere mag tatsächlich dieser Ruf ergehen, sie oder er mag tatsächlich berufen sein zu einem Leben wie das eines Franz von Asissi, eines Albert Schweitzer oder einer Mutter Theresa. Aber dürfen solche außergewöhnlichen Menschen zum Maßstab der rechten Nachfolge gemacht werden? Oder zur Vorbild für die Mitarbeit in der Diakonie?

Wie also dieses Bibelwort verstehen? Lassen Sie uns diese drei Männer einmal näher ansehen!

Der Erste von den Dreien kommt zu Jesus und sagt zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du auch gehst. Offenbar muss ihn etwas in Bewegung gebracht haben, dass sie sich aufmachen und die Nachfolge anbieten. Ich stelle mir vor: In seiner Begeisterung gibt er eine Blanko-Bereitschaftserklärung ab. Alles will er verlassen und Jesus überall hin folgen. Er ist hochmotiviert, erfüllt von großen Ideen und Zielen, die es nun zu erreichen gilt.

Wer kennt dieses Gefühl nicht, wenn man begeistert ist, wenn es geschnackelt hat und man mit aller Gewissheit weiß: das ist es? Und wer würde es sich nicht wünschen, dass es einem im Christenleben immer wieder so gehen würde: Voller Begeisterung zu wissen: da geht es lang.

Wenn man neu anfängt mit einer Arbeitsstelle oder einen neuen Aufgabe, dann kann es einen auch so gehen. Das ist neuer Elan, das Vorsätze, was ich alles tun will. Vielleicht sogar Begeisterung.

Doch Jesus ruft diesen ersten Mann zur Nüchternheit: Bist du dir sicher, auf was du dich da einlässt? Hast du auch die Folgen und Risiken bedacht? Wenn du dich mit mir auf den Weg machst, dann wirst du heimatlos sein in dieser Welt. Dann ist deine Heimat im Reiche Gottes. Übersieh bei allem Enthusiasmus nicht die Konsequenzen.

Die Konsequenzen! Jesus nachzufolgen, als Christ zu leben, das ist mehr als nur ein religiöser Anstrich für das Leben. Das ist eine Herausforderungen, Ein Ruf die Sichtweisen, in denen ich daheim war, zu verlassen. Die Welt im Lichte Gottes zu sehen. Im Licht der Liebe. Und dann auch so zu leben! Ein christliches Leben ohne Konsequenzen in meinem Denken und Handeln kann es nicht geben.

Auch die Arbeit in der Diakonie ist eine Herausforderung. Bei uns im Diakonieverein mit alten Menschen oder Kindern zu arbeiten, das ist nicht einfach nur ein Job. Da sollte man besser ins Büro oder in die Fabrik gehen. Für Kinder und alte Menschen in der Diakonie da zu sein, kann man nicht, indem man nur ordentliche äußere Versorgung gewährleistet. Es braucht den ganzen Menschen, die ganze Persönlichkeit. Menschen, die sich zu ihrem Beruf berufen fühlen. Menschen mit Herzenswärme, Menschen, die sich gern für andere einsetzen. Da ist ja das anstrengende. Das erwarte ich schon in der Diakonie, dass wir uns mit einem christlichen Menschenbild um die anderen sorgen.

Auch der zweite Mann muss Jesu Worte gehört und seine Taten gesehen haben. Aber ich stelle mir vor: er ist sich noch nicht sicher. Da spricht Jesus ihn an: Du, folge mir nach. Er wurde von dieser plötzlichen Aufforderung Jesu überfahren. Das geht ihm nun doch zu schnell. Und was macht man in einer solchen Situation? Man hält erst einmal den wichtigsten Hinderungsgrund entgegen, den man hat: ich muss zuvor noch meinen Vater begraben. Dann würde ich vielleicht doch noch zusagen.

Hängen geblieben bin ich an diesem „zuvor“! Da ereilt einen ein Ruf, ein Aufforderung, da bin ich jetzt gefragt. Sofort fällt mir ein, was ich zuvor nicht alles noch tun müsste. Es gibt Menschen, die immer den richtigen Zeitpunkt verpassen, die den Ruf Gottes nicht hören, weil es immer zuvor noch etwas anderes gibt.

Jesus will, dass wir all diese Zuvors auf die Seite legen, und einfach jetzt, heute auf ihn hören. Das erstaunliche in diesem kurzen Bibelwort: Jesus lässt bei diesem zweiten Mann nicht locker. Er möchte, dass gerade dieser zaghafte Mann mit ihm geht. Ist der momentane Entschuldigungsgrund auch noch so stark, Jesus möchte ihn auf seiner Seite, auf der Seite des Lebens und nicht auf der Seite des Todes. Jesus möchte seine Zaghaftigkeit und seine treffendsten Ausreden überwinden. Er hält an ihm fest: Du bist der richtige für mich. Geh hin und verkündige das Evangelium.

Auch das gibt es, dass man in der Nachfolge zu zaghaft ist. Man findet dann alle möglichen Ausreden, um sich den Anspruch Jesu vom Halse zu halten. Aber Jesus lässt nicht locker. Er möchte unsere Ausreden überwinden, uns vom zum Leben ziehen.

Den Mitarbeitern in der Diakonie möchte ich Mut machen, nicht zaghaft zu sein, sondern mutig, entschlossen und freudig die Arbeit anzupacken. Das muss man in der Diakonie wirklich oft.

Auch der dritte Mann wurde von Jesu Wort ergriffen. Er hat sich offenbar die Sache schon länger genau überlegt. Nur einen Vorbehalt hat er noch. Er möchte sich zuvor von seiner Familie verabschieden, - wieder ein zuvor! Vielleicht will er noch einiges in Ordnung bringen, ihnen seine Entscheidung erklären. vielleicht will er sich noch eine Hintertür offen halten, sollte das mit diesem Jesus nichts sein. Ich stelle mir vor, dass er auf Nummer sicher gehen will. Er macht bei Jesus eine Anmeldung mit Vorbehalt.

Dieser Dritte bekommt von Jesus zu hören: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. Eine Nachfolge mit Vorbehalt gibt es nicht. Es lässt sich nicht alles absichern. Und wer ängstlich zurückblickt, der gerät in die Gefahr, das Ziel aus den Augen zu verlieren. Nachfolge ist immer ein Wagnis, das verlangt, Sicherheiten hinter sich zu lassen und nach vorne zu blicken. Jesus ermutigt, die Ängstlichkeiten sein zu lassen, die Augen nach vorne zu richten und los zu gehen.

Drei Ermutigungen - auch so lässt ich unser Bibelwort deuten. Drei Ermutigungen: den Realitäten in die Augen zu blicken, nicht zu zaghaft sein, und nicht zu ängstlich. Freilich: Die Radikalität des Rufes in die Nachfolge bleibt. Sie lässt sich nicht wegwischen. Jesus fordert uns ganz. Die drei Männer in unserem Predigttext können uns aber vor Augen führen, dass im Ruf in die Nachfolge auch die Ängstlichen und Zaghaften, die Zweifler und Zögerer mit eingeschlossen sind.

Und wie geht es aus? Was denken Sie? Am Schluss unseres Predigttextes bleibt offen, ob die drei Männer nun mit Jesus gegangen sind oder nicht. Es wird nichts weiter über sie berichtet. Es gibt allerdings keinen Anhaltspunkt, der uns zu der Annnahme zwingt, dass sie wie der reiche Jüngling traurig von dannen zogen. Wer weiß, vielleicht sind ja alle drei mit Jesus gegangen.

Am Schluss dieser Predigt bleibt auch offen, wie unsere Geschichte weitergeht. Wer von uns heute dem Ruf Jesu folgt. Die eigene Geschichte kann nur jeder selber weiter erzählen. Ob ich heute den Ruf Jesu höre. Ob ich ihn folge. Ob ich mein Leben an christlichen Werte ausrichte. Ob ich mich in den Dienst der Liebe nehmen lasse. Ob ich meine Arbeit in der Diakonie als Dienst am Menschen im Auftrag Jesu verstehe oder nur als Job. Ob ich der Vergangenheit nachhänge oder die Gegenwart nutzte. Ob ich auf die Seite des Lebens wechsle oder auf der Seite des Todes bleibe. Ob ich mich heute auf Gott verlassen will oder nur auf meine eigene Kraft baue. Die eigene Geschichte muss heute jeder selber weiterschreiben. Amen.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen