zurück zur Predigtsammlung
Lk 16,19-31, 14.6.2009, 1. Sonntag n. Trinitatis, St. Georg

Auferstehung
Das jüngste Gericht.

Altarbild (Rückseite) des Wendelsteiner Dreikönig-Altars. Hans Süß von Kulmbach, Schüler von Albrecht Dürer: Das jüngste Gericht. Die Toten stehen von ihren Gräbern auf:  "... wenn ich das gewusst hätte..."
Predigttext Lk 16,19-31  Vom reichen Mann und armen Lazarus
19 Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden. 20 Es war aber ein Armer mit Namen Lazarus, der lag vor seiner Tür voll von Geschwüren 21 und begehrte sich zu sättigen mit dem, was von des Reichen Tisch fiel; dazu kamen auch die Hunde und leckten seine Geschwüre. 22 Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben. 23 Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß. 24 Und er rief: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und mir die Zunge kühle; denn ich leide Pein in diesen Flammen. 25 Abraham aber sprach: Gedenke, Sohn, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet und du wirst gepeinigt. 26 Und überdies besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüberwill, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber. 27 Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, dass du ihn sendest in meines Vaters Haus; 28 denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual. 29 Abraham sprach: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören. 30 Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun. 31 Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde,

diese Geschichte vom reichen Mann und armen Lazarus, die Jesus erzählt, ist ein Gleichnis, eine Beispielgeschichte. Wir hören von zwei Männern: der eine ist reich, hat Geld ohne Ende, aber namenlos. Ohne wirkliche Identität.
Dieser reiche, namenlose Mann lässt es sich sein Leben lang gut gehen. Er hat das Geld, sich auf das Beste zu kleiden. Er prasst und lebt alle Tage herrlich und in Freuden. Es geht ihm so gut, dass er, wie es damals am Tische der Überreichen Sitte war, bei den Mahlzeiten Stücke vom Fladenbrot benutzen kann, um seine vom Fett der Speisen triefenden Finger abzuwischen. Diese Brotstücke lässt er achtlos unter seinen Tisch fallen.
Und dann ist da Lazarus, der arme Mann. Ihn lernen wir mit seinem Namen kennen, erfahren aber nicht den Grund seiner Armut, der tut auch nichts zur Sache. Lazarus fehlt sogar das trockene Brot zum Leben, zum Überleben. Er ist krank, gezeichnet von den Umständen, unter denen er kümmerlich dahinleben muss. Lazarus, der so arm ist, dass er von dem leben muss, was der Reiche achtlos wegwirft, und was dann vor die Tür geschmissen wird.
Unser Predigttext macht sie sehr deutlich, die große Kluft, die zwischen den beiden besteht, zwischen dem reichen Mann und dem armen Lazarus. Eine große, unüberbrückbare Kluft zwischen Arm und Reich, die es schon immer, zu allen Zeiten gegeben hat.
Jesus erzählt dieses Gleichnis in einem Gespräch mit Pharisäern, von denen der Evangelist Lukas vorher schreibt, sie seien geldgierig, würden über Jesus spotten und seien selbstgerecht. Damit ist die ursprüngliche Zielgruppe benannt, der Jesus mit seinem Gleichnis den Spiegel vor Augen hält. Die selbstgefälligen reichen Zufriedenen. Sie gab es damals, sie gibt es auch heute noch.
Es fällt nicht schwer, dieses Gleichnis auf unsere Tage zu übertragen, diese große Kluft auch in unserer Welt zu entdecken. Man muss dabei gar nicht bis nach Südamerika, wo oft wenige Großgrundbesitzer alles haben und weite Teile der Bevölkerung nichts. Man muss nicht nach Afrika schauen, wo in manchen Ländern korrupte politische Eliten sich bereichern, ohne Rücksicht auf ihr verhungerndes Volk. Man muss auch nicht bis nach Russland blicken, wo einige wenige Neureiche vom Fall des eisernen Vorhangs Entwicklung so sehr profitieren, dass sie mit Geld nur so um sich werfen können, während viele andere monatelang auf ihren Lohn warten oder von einer minimalen Rente leben müssen.
Auch bei uns wird die Schere zwischen Reich und Arm immer größer. Einzelne Spitzenmanager verdienen sich eine goldene Nase, indem sie vor allem Personal abbauen. Steinreiche Unternehmer rufen nach Staatshilfen, Gewinne wurden eingesteckt, die Verluste soll der Steuerzahler tragen. Ich will auch niemanden namentlich nennen - auch Jesus nennt den reichen Mann nicht beim Namen, stellt die direkte Verbindung zu den Pharisäern nicht her -, weil es hier nicht um Einzelne geht, sondern um das gesellschaftliche Gesamtgefüge.
Lazarus dagegen hat einen Namen - auch bei uns. Die arme Rentnerin, die mit 500 Euro auskommen und davon noch die Miete zahlen muss.
Kinder, die nicht mit auf die Klassenfahrt können, weil das Monatseinkommen der Eltern gerade für die alltäglichen Lebensbedürfnisse reicht. Der kleine mittelständische Unternehmer, der sein Unternehmen aufgeben musste, weil die großen die Rechnungen nicht bezahlten, der alles verkauft hat und auf einen Berg Schulden sitzt und im Alter dann noch mal eine Rente bekommt.  Immer mehr Menschen sind auf die Lebensmitteltafeln, die Sozialkaufhäuser, Kleiderkammern, und Suppenküchen angewiesen sind, um überhaupt über die Runden zu kommen.
Liebe Gemeinde, es geht in unserem Bibelwort nicht darum, die Menschen nach sozialistischer Manier alle gleich zu machen. Wir sind nicht einfach gleich. Die einen haben diese Gaben, die andern andere. Die eine strengen sich mehr an, die andern weniger. Manche Menschen tragen zu ihrem Unglück auch wirklich selber bei. Es wird immer Menschen geben, die mehr haben und andere die weniger haben.
Aber was Jesus anprangert, ist, dass manche so viel haben, dass sie nicht wissen, wohin damit und andere nicht wissen wie sie leben sollen. Es sind diese Extreme zu denen sich Gesellschaften offenbar immer wieder entwickeln.
Was Jesus anprangert, ist, dass der Reiche in seinem dicken Haus sich nicht mehr verantwortlich fühlt für den Armen vor seiner Tür. Je mehr jemand hat, desto mehr ist er auch für das Gemeinwohl verantwortlich. Darum geht es! Oder mit unserem Grundgesetz gesagt: Eigentum verpflichtet! Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.
Unser Bibelwort ist eine Anklage derer, die viel haben und ihrer Verantwortung nicht gerecht werden. Und es ist ein Hoffnungswort für die Armen. Denn Gott ist auf ihrer Seite.
In dem Gleichnis sterben beide. Im Tod sind nun beide gleich. Keiner kann etwas mitnehmen. Diese simple Weisheit kennt jeder. Doch wie wenig nehmen wir sie uns manchmal zu Herzen.
Und dann die harte Konsequenz. Die ausgleichende Gerechtigkeit. Lazarus wird in den Himmel erhoben in Abrahams Schoß. Der Reiche kommt in die Hölle. „Wenn ich das gewusst hätte“, sagt er sich jetzt. Wie der eine auf der Rückseite unseres Altar, der sich die Haare rauft. „Mensch, hätte ich doch… - wenn ich das gewusst hätte.“
Du hast es gewusst, entgegnet ihm Abraham. Ja, er hat es gewusst. Wir wissen es auch. Im Alten Testamten, im Neuen Testament, da steht es, dass man die Armen zu achten hat und die Reichen verantwortlich sind, dass auch sie ein menschenwürdiges Leben führen.
Unser Bibelwort sagt nicht, dass alle die reich sind in die Hölle kommen. Es gibt solche und solche Reiche. Aber es sagt doch deutlich, dass die, die unbarmherzig und herzlos sind, nicht einfach mit der Barmherzigkeit Gottes rechnen können. So billig ist offenbar die Gnade Gottes nicht.
Das Gleichnis Jesu verstehe ich als eine Ermahnung, die anderen nicht aus dem Blick zu verlieren. Die Not und das Leiden nicht zu übersehen. Wir können nicht so tun, als ginge uns das nichts an. Es muss sich dabei gar nicht unbedingt um materielle, es kann sich auch um seelische oder andere Not handeln. Unser Gleichnis ist die Ermahnung, dass der, der an Gaben oder Gütern hat, auch besondere Verantwortung für das Ganze trägt. Und je mehr Gaben und Güter man hat, desto mehr.
Der Reiche muss nicht arm werden wie der arme Lazarus. Das wäre ja auch ein Quatsch. Aber er darf den Lazarus vor seiner Türe nicht übersehen und es hätte ihm nicht weh getan, statt das Brot wegzuwerfen, dem Lazarus etwas abzugeben.
Das ist die Aufgabe von uns Christen: unsere Verantwortung, die wir mit unseren Gaben und Gütern haben, wahrzunehmen, wo wir das vermögen, und die, die überreichlich viel haben auch daran zu erinnern, dass sie besonders viel Verantwortung für diese Gesellschaft tragen. Amen.
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

Pfarrer Norbert Heinritz, Wendelstein