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Der Eckstein
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde,
Ein Haus aus lebendigen Steinen – so ist das Motto der Ausstellung, die wir heute hier in der St. Georgskirche eröffnen wollen und die einen kleinen Einblick in die Geschichte der St. Georgskirche gibt. Dieses Motto ist nicht einfach erfunden, sondern es findet sich in dem Neuen Testament. Im 1. Petrusbrief lesen wir:
Predigttext 1. Petrus 2
4 Zu Christus kommt als zu dem lebendigen Stein, der von1. Petr. 2,4-10, den Menschen verworfen ist, aber bei Gott auserwählt und kostbar. 5 Und auch ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus. 6 Darum steht in der Schrift (Jesaja 28,16): »Siehe, ich lege in Zion einen auserwählten, kostbaren Eckstein; und wer an ihn glaubt, der soll nicht zuschanden werden.« 7 Für euch nun, die ihr glaubt, ist er kostbar; für die Ungläubigen aber ist »der Stein, den die Bauleute verworfen haben und der zum Eckstein geworden ist, 8 ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses« (Psalm 118,22; Jesaja 8,14); sie stoßen sich an ihm, weil sie nicht an das Wort glauben, wozu sie auch bestimmt sind. 9 Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht; 10 die ihr einst »nicht ein Volk« wart, nun aber »Gottes Volk« seid, und einst nicht in Gnaden wart, nun aber in Gnaden seid (Hosea 2,25).
Liebe Gemeinde,
im vergangenen Jahr verbrachte ich meinen Sommerurlaub in Burgund. Wahrscheinlich waren etliche von Ihnen auch schon dort. An zwei Orte, die wir da besuchten, musste ich bei unseren Bibelwort denken.
Der eine Ort ist Cluny. Eine Kleinstadt in Burgund mit einem Drittel Einwohner von Wendelstein. In Cluny stand einst die größte Kirche der westlichen Christenheit. Erst der Peterdom in Rom hat sie nach seiner Erbauung übertroffen. Cluny war im Mittelalter das Zentrum einer klösterlichen Reformbewegung. Diese mönchische Bewegung hatte damals so großen Zulauf, dass nach der ersten, die zweite erbaute Kirche viel größer sein musste. Und nach deren Abriss hatte der dritte Bau ungeheuere Ausmaße. Eine fünfschiffige Basilika von 187 Metern Länge.
In Cluny stand diese Kirche. Sie steht nicht mehr. Für mich immer noch unfassbar, was da geschah. Die französische Revolution hat ja mit den kirchlichen Herrschaftsstrukturen in Frankreich ziemlich auf geräumt. Kirchlicher Besitz wurde verstaatlicht, Klöster wurde aufgelöst. Und diese damals 700 Jahre alt-ehrwürdige Kirche – ein architektonische Meisterleistung - wurde kurzerhand an einen Bauunternehmer verkauft. Er nutzte die Kirche als Steinbruch für sein Unternehmen. Sie wurde konkret zum Stein, den die Bauleute verworfen haben. Nur noch ein Turm kündet heutzutage von den Ausmaßen dieser Kirche. Den konnte man nicht abreißen, weil man Angst hatte, er würde auf die nebenliegende Schule fallen.
Liebe Gemeinde, so kann es gehen, wenn in Kirchen nur noch tote Steine gesehen werden. Wenn Regierungen diese Mauern nicht schätzen, wenn Menschen ihre Geschichte vergessen. Oder einfach niemand mehr da ist, die Kirchenbauten mit Leben zu füllen.
Cluny ist ja nicht das einzige Beispiel. In der Sowjetunion wurden aus Kirchen Schwimmhallen oder Einkaufszentren. Und in Ostdeutschland droht manche alte Dorfkirche zu zerfallen, weil nicht genug Geld oder einfach nicht genug Menschen da sind, denen diese Kirchen am Herzen liegen. Sogar in Nürnberg ist es eine echte Frage, welche Kirchen man auf Dauer noch halten und finanzieren kann. Und was sollte dann aus Ihnen werden? Die Kreuzkirche in Schweinau soll ja vielleicht in Zukunft ohne Dach da stehen.
Cluny ist für mich ein Zeichen, dass die Steine einer Kirche alleine auf Dauer keinen Wert haben. Es braucht Menschen, denen sie am Herzen liegen und mit Leben füllen.
Der zweite Ort: Gerade mal 10 km vom Cluny entfernt befindet sich die Bruderschaft von Taizé. Sie kennen diese ökumenische Ordensgemeinschaft, gegründet von dem reformierten Frère Roger. Die Taizé-Gesänge, habe auch unserem Gesangbuch Eingang gefunden. Lieder, die eine tiefe Spititualität atmen. Taize ein Zentrum von Glauben und Spiritualität. Nicht umsonst in der Nähe von Cluny: der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist damit wieder zu einem Grundstein für einen ganz neue Bewegung geworden.
Ich war im vergangenen Sommer das erste mal in Taizé. Nur ein kurzer Besuch und doch beeindruckend. Ganz anders als Cluny. Einfache, zweckmäßige Bauten. Aber viele, viele junge Menschen. Junge Männer und Frauen, die beten und singen und ihren Glauben leben. Lebendige Steine der Kirche. Davon lebt Kirche, nicht allein von ihren alten Bauten, sondern von den Menschen, die darin singen, beten und glauben. Menschen, denen dann auch ihre Kirchengebäude am Herzen liegen.
Auch das gibt es. Da tun sich in einem ostdeutschen Ort die Leute zusammen, Christen und Nichtchristen, sogar alte SED-ler, und engagieren sich ihre alte Kirche zu erhalten. Die alten Mauern werden dann wieder lebendig. Oder denken Sie an die Frauenkirche in Dresden. Wer hätte vor 20 Jahren jemals geglaubt, dass sie wieder stehen würde. Wenn die Kirchengebäude gepflegt werden, bedeutet das Hoffnung, dass auch die Botschaft Jesu nicht verhallt.
Kirche ist immer etwas Doppeltes. Unser deutsches Wort Kirche macht das ja auch deutlich. Kirche ist das Kirchengebäude. Und Kirche sind die Menschen, die sich zu Jesus bekennen.
Das Wort „Kirche“ kommt vom griechischen Kyriakon. Darin steckt kyrie: Herr. Kyriakon bedeutet Haus des Herrn. Haus des Herrn, das sind unsere Kirchengebäude. Klar. Und so soll es noch lange bleiben.
Haus des Herrn, das sind aber auch wir. Lebendige Steine, die das geistliche Haus des Herren erbauen. Und das ist noch wichtiger. Und ohne diese lebendigen Steine ist jedes Kirchengebäude leer. Da sind wir gefordert: für unseren christlichen Glauben einzustehen und ihn an die nächsten Generationen weiter zugeben. Wenn diese geistliche Haus des Glaubens nicht gepflegt wird, werden auch bei uns irgendwann die Kirchen zerfallen oder zu Steinbrüchen, oder Schwimmbädern oder Einkaufszentren.
Deshalb muss uns auch jeder Kirchenaustritt weh tun. Nicht einfach, weil uns ein potentieller Kirchensteuerzahler verloren geht. Nein, sondern, weil ein lebendiger Stein verloren geht. Weil jeder wichtig und wertvoll ist. Zu allen Zeiten gab es die, die sich an der Botschaft und an der Person Jesu stoßen, die nichts wissen wollen und sich abwendeten. Und oft kann man sie nicht aufhalten. Aber egal können Sie uns trotzdem nicht sein. Denn keiner soll verloren gehen.
Lebendige Steine – Diese Sprachbild ist eigentlich aus dem 1 Petrusbrief ist eigentlich ein Paradoxon. Aber genau das drückt aus. was Kirche immer sein muss. Im Grunde ein reformatorischer Gedanke: Die Kirche aus lebendigen Steinen ist nie fertig wie ein Kirchenbauwerk. Eine Kirche aus lebendigen Steinen muss sich immer wieder neue formen, neue reformieren. Und sich immer wieder neu zusammenfügen. Sonst versteinert man.
Wenn man in diesen Tagen auf unsere katholische Schwesterkirche blickt, kann man sich da schon sorgen machen. Soll das wirklich das Ziel sein, die alten dogmatischen Gebäude fest zu zurren und vielleicht sogar noch die Rolle rückwärts vor das zweite Vatikanische Konzil zu machen?
Bei der Kirche, diesem geistlichen Haus, kommt es schließlich auf den Eckstein an. Diesmal ist damit nicht unser Landrat gemeint. Freilich auch er ist ein lebendiger Stein unserer Kirche. Es freut mich, dass er heute da ist. Ich weiß dass ihm seine evangelische Kirche und die St. Georgskirche am Herzen liegen. Und so einen Eckstein im Landkreis zu haben, der ein Herz für die Kirchen hat, ist ja auch eine gute Sache.
Der Eckstein, von dem in unserem Bibelwort die Rede ist, ist Christus, unser Herr. Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, für uns ist er zum Eckstein geworden. Eckstein lässt sich dabei verschieden deuten: Einmal der Grundstein. Der erste Stein, der gelegt ist. Der Anfangspunkt des ganzen. Zum andern kann man darin auch den Schlussstein sehen, der wie hier in unserem Chorraum, alles zusammenhält. Christus ist A und O, Anfang und Ende, Grund und Ziel der Kirche.
Er ist der lebendige Stein. Denn mit seiner Auferstehung ist ein Stein ins Rollen gekommen. Menschen, die vor Trauer und Schmerz versteinert waren, sind in Bewegung gekommen und haben sich zusammengetan. Eine Bewegung des Glaubens, die bis zum heutigen Tag lebt. Christus und seine Botschaft halten die Kirche lebendig. Das Leben will Gott, nicht den Tod. Keine kalten Kirchen, sondern eine lebendige Gemeinschaft. Keine Gesellschaft, in der die Menschen nur an sich selber denken, sondern in der jeder ein einigermaßen gutes Leben hat. Und das hat man nicht einfach so, sondern dafür muss man jeden Tag etwas tun.
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
Pfarrer Norbert Heinritz, Wendelstein