Geduldspiel
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Predigttext Jak 5,7-8
So seid nun geduldig, liebe Brüder, bis
zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht
der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen
und Spätregen.
8 Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.
Liebe Gemeinde, lieber Herr Blank,
Ich habe hier ein Geduldspiel mitgebracht. Vielleicht kennen Sie das ... Eine Zeit lang kann ich so etwas spielen, aber dann werde ich ganz hippelig. Mit der Geduld ist da halt so eine Sache!
Wenn ich mir die Geduld mal als eine Person vorstelle, dann schaut sie eher etwas altmodisch aus. Mit Dutt kommt sie daher und mit Schürze. Die Haare sind längst grau. Ihre Augen strahlen gnädig und in ihrer Stimme liegt etwas Weiches. Zuhören kann sie und Geschichten erzählen. Sie hat einen langen Atem. Sie bleibt an den Dingen dran, hartnäckig und doch liebevoll. Und vor allem: sie hat Zeit. Heutzutage nimmt man oftmals sie nicht mehr so ernst. Aber wenn sie nicht da ist, dann merkt man das schmerzlich.
Die Geduld – für mich ist sie wie meine längst verstorbene Oma. Sie konnte erzählen und zuhören, befasste sich mit ihrem Enkel, nahm sich Zeit, war einfach da, wenn ich sie brauchte. Sie hatte einfach Zeit.
Ja, es ist schön, wenn einer Geduld mit einem hat, aber es ist oft schwer, selber Geduld zu haben.
Liebe Gemeinde, wie ist das mit Ihnen? Haben Sie Geduld? Oder reist Ihnen schnell der Geduldsfaden? Und Sie Herr Blank? Sind sie ein geduldiger Mensch? Wie lange halte Sie es aus mit so einem Geduldspiel?
Seid geduldig, heißt es in unserem heutigen Bibelwort. Das ist eine ganz schöne Herausforderung. Ich bin eigentlich eher ein ungeduldiger Mensch, auch wenn ich mit den Jahren schon viel dazu gelernt habe. Aber wenn Dinge nicht voran gehen, wenn es einfach nichts wird, wenn jemand nicht ‚zu Potte‘ kommt, das kann mich hippelig machen. Manchmal merken es die Menschen nicht, aber innerlich fange ich das Zittern an. Warten im Wartezimmer oder auf den zu späten Bus, war noch nie so meine Sache. Und mit meinen Kindern bin ich auch manchmal ziemlich ungeduldig. Kennen Sie das alles auch?
Seid geduldig, höre ich da in unserem Bibelwort und ich sage: Ja, natürlich, das ist schon richtig. Aber halt nicht immer ganz leicht. Es ist schön, wenn einer Geduld mit einem hat, aber es ist oft schwer, selber Geduld zu haben.
In unserem Bibelwort wird der Bauer als Beispiel genannt. Ein Bauer muss Geduld haben. Er sät aus. Und dann kann er nur warten. Auf den Regen und auf den Sonnenschein zur rechten Zeit. Dann kann er nur warten, bis die Saat aufgeht und wächst und dann, wenn sie genug Zeit hatte, auch Frucht bringt. Für einen Bauern hat es keinen Sinn da ganz beschleunigen zu wollen. Wenn er keine Geduld hätte und nach zwei oder drei Monaten wieder über das Feld pflügen würde, weil es ihm zu lange dauert, dann wäre alles dahin. Ein Bauer weiß: Wachstum braucht einfach seine Zeit. Er wartet auf die Frucht der Erde und ist geduldig.
Was ist das Gegenteil? Was ist das Gegenbild zum Bauern? Ich möchte es mal den Techniker nennen. Der Techniker baut Maschinen. Die müssen immer und überall funktionieren. Und schnell müssen sie sein. Techniker sind bemüht, Maschinen immer schneller und zuverlässiger zu machen. Denn Zeit bedeutet Geld.
Heutzutage bestimmt dieses Bild des Technikers unsere Vorstellungswelten und nicht die des Bauers. Immer mehr, immer schneller ist das Motto. Wer zu spät kommt den bestraft das Leben. Die Geschwindigkeit in unserer Gesellschaft nimmt zu. Und auch die Belastung der Menschen. Hat man früher für einen Hausbau noch eineinhalb bis zwei Jahre gebraucht, dauert es jetzt gerade mal noch ein halbes Jahr. Haben früher 10 Menschen an einer Sache gearbeitet, machen das heute gerade noch zwei. Die Halbwertszeit des Wissens wird immer geringer. Wo bleibt da die Geduld?
Sie, Herr Blank, haben es jetzt mit den Kindern und Jugendlichen unserer Gemeinde zu tun. Wissen Sie, worunter Kinder und Jugendliche heutzutage am meisten leiden? Meines Erachtens ist es dieses immer schneller und immer mehr unserer Zeit. Schon im Kindergarten sollte man Englisch sprechen lernen. Dass Kinder bereits in der dritten Klasse Nachhilfe bekommen, ist keine Ausnahme mehr. Schließlich kommt es ja am Ende der vierten Klasse auf alles an! Und dann das G8. Der gleiche Stoff statt in neun jetzt halt in acht Jahren. Nicht dass man Abitur auch nach acht Jahren machen kann. Klar geht das. Aber dann hätte man auch den Lehrplan entrümpeln müssen. Bis zu 36 Unterrichtsstunden haben Schüler im Gymnasium jetzt. Und dann noch lernen und Hausaufgaben. Ich sehe es ja an meinen Kindern. Das bedeutet Druck. Und die, die das Ganze nicht schaffen, resignieren schnell: Das hat ja doch keinen Sinn.
Immer schneller immer mehr. Man kann sich da als Familie nicht einfach herausziehen. Aber: Was tun wir da unseren Kindern an?
Was Kinder und Jugendliche brauchen ist Geduld. Wachsen und sich Entwickeln braucht einfach Zeit. Das ist es, was Jugendarbeit bieten kann. Einen Freiraum, in dem ich mich als junger Mensch entfalten kann. In dem ich Zeit habe, zu reifen. In dem es Menschen gibt, die Zeit für mich haben und Geduld. Diesen Raum Kindern und Jugendlichen zu bieten, das ist jetzt Ihre Aufgabe, Herr Blank.
Sei geduldig, sagt Ihnen da unser Bibelwort. Ja, Geduld braucht es. Gerade weil man im Umgang mit Kindern und Jugendlichen sät, und oft gar nicht sieht, ob und wann da etwas wächst oder aufgeht. Jugendleiter, Pfarrer, Eltern und Großeltern, Lehrer und viele andere säen und hoffen, dass irgendwann doch etwas daraus wird. Wir sind vielmehr Bauern als Techniker. Es ist gut, sich das immer wieder einmal klar zu machen.
Und weil heutzutage alles schnell gehen muss, deshalb hat es auch der Glaube so schwer. Denn auch Glaube, festes inneres Gottvertrauen muss wachsen. So etwas kann man nicht schnell haben. Da braucht es Geduld und einen langen Atem. Der Glaube ist wie ein zartes Pflänzlein. Ausgesät von der Oma oder von den Eltern, vielleicht auch im Konfirmandenunterricht oder in der Jugendarbeit, dann braucht er immer wieder Wasser und muss gegossen werden mit dem Wort Gottes, bis da etwas wächst und das Gottvertrauen irgendwann zu einem starken, kräftigen Baum wird, den so schnell nichts umhaut. Aber weil heutzutage alles schnell gehen muss, lassen viele Menschen ihren Glauben vertrocknen. Schade ist das! Was es braucht, ist das Geduld und Zeit.
Seid geduldig, bis zum Kommen des Herrn. Hören wir heute. Gemeint ist im Jakobusbrief die Wiederkunft Christi. Darauf warten wir Christen nun schon 2000 Jahre. Dazu braucht es wirklich Geduld. Aber man kann diesen Vers auch ganz persönlich verstehen. Seid geduldig, bis der Herr zu euch ins Leben kommt. Es kann diese Zeiten geben, in denen man wenig von der Gegenwart Jesu in eigenen Leben merkt. Aber dann gibt es diese Momente, in den man erfährt, hier ist einer, der mich hält, trägt, begleitet und beschützt.
Es ist schön, wenn einer Geduld mit einem hat, aber es manchmal so schwer, selber Geduld zu haben.
Die Botschaft heute laute heute auch: Gott hat immer noch Geduld mit uns. Das ist ja das großartige. Er lässt uns Zeit, zu leben, zu reifen, zu wachsen, und auch umzukehren zu ihm. Ein paar Verse weiter im Jakobusbrief, wird Hiob als Beispiel eines Geduldigen genannt. Und dann heißt es am Ende: Der Herr ist barmherzig und ein Erbarmer. Gott ist eben wie ein wirklich guter Vater: Er hat unendlich viel Geduld mit uns.
So ein Geduldspiel also auch ein schönes Gleichnis für Gott. Er hört nicht auf, darauf zu hoffen, dass bei uns vielleicht doch noch einmal die Kugel ins Loch fällt. Immer wieder schenkt er uns Zeit. Er schmeißt diese Welt nicht einfach wütend in die Ecke, wenn es nicht klappt, sondern er kommt zu uns, mitten hinein in diese Welt. Du brauchst nur etwas Geduld. Und vielleicht, vielleicht ist er ja schon mitten in deinem Leben da. Amen.
Pfr. Norbert Heinritz