
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Konfirmandeneltern, liebe Gemeinde,
das Bibelwort für heute ist eines der schönsten Worte aus der Bibel, dieses Gleichnis vom verlorenen Sohn oder wie man es vielleicht besser überschreiben sollte: Das Gleichnis vom barmherzigen Vater. Es ist meine Lieblingsgeschichte. Denn sie hat eine so schöne und einfache und klare Botschaft: Jeder Mensch kann immer wieder umkehren und zu Gott, unseren himmlischen Vater, kommen. Und sie ist doch tiefsinnig und vielschichtig und immer wieder kann ich darin neues entdecken.
Sie ist so wunderbar und so tief, dass man auch nach dreimal aus verschiedenen Blickwinkeln erzählen kann und noch nicht alles erfasst hat. Ich will sie heute drei Blickwinkeln erzählen.
Das erste Mal ist sie eine Geschichte von einen jungen Menschen, der Sehnsucht nach Freiheit und Leben hat. Und manch einer kann sich darin wiederfinden.
Ja, Sehnsucht hatte er damals gehabt, große Sehnsucht. Er erinnert sich gut. Er wollte endlich mal etwas erleben. Er wollte wissen, was Leben ist. Endlich mal jemand sein. Raus aus dem alten Fahrwasser. Nicht immer nur den selben Trott daheim. Arbeit, Arbeit, Arbeit. Er hatte Träume vom Glück. Er wollte etwas haben von seinem Leben. Und vor allem: Frei sein wollte er. Sehnsucht nach Freiheit.
Er weiß noch ganz genau: Tage lang hatte er hin und her
überlegt. Wie sag ich es ihm nur? Und wie wird er reagieren? Doch eines Tages,
da hatte er seinen ganz Mut zusammengenommen. Er ging zum Vater und bat ihn,
dass er ihn sein Erbe auszahlen möge. Er will weg hier. Er will hinaus in die
weite Welt.
Der Vater schimpfe nicht, traurig war, ja, aber er hielt
ihn nicht zurück. Er gab ihm das Geld. Das war ein Gefühl. Die Tasche voller
Geld. Und los gings. Seine Träume würden in Erfüllung gehen.
In der nächsten großen Stadt mietete er sich ein – im
besten Haus am Platz. Er feierte Partys. Lud alle möglichen Menschen ein. Viele
kamen. Alle wollten seine Freunde sein. Jetzt war er wer.
Er langt sich an den Kopf: Dass er damals nicht weiter dachte, nie auf die Idee kam, dass das Geld auch irgendwann einmal aus ist. Und dann war Schluss mit lustig. Nichts mehr zu sehen von den schönen Freunden. Job. Schweinehirt. Grässlich und widerlich und so miserabel bezahlt, dass es den Schweinen besser ging als ihn.
Dann kam wieder die Sehnsucht. Nach Geborgenheit. Und er merkt, Freiheit ist so schön und großartig, aber man braucht auch ein zuhause. Hin und her. Geht er zurück.
Liebe Gemeinde, liebe Konfirmanden,
in diesem Blickwinkel ist es eine Geschichte für junge Menschen. Jesus erzählt die Geschichte für die, die Sehnsucht haben nach Freiheit. Sehnsucht nach einem guten Leben, nach Glück, nach Heil. Jesus erzählt diese Geschichte für die, die etwas vom Leben wollen: action, Erlebnisse, Erfahrungen, volles Leben.
Es ist gut, als junger Mensch etwas vom Leben haben zu wollen. Aber wie leicht kann man dabei auf die Nase fallen. Gaudi, Party, action reichen einfach nicht aus für ein erfülltes Leben. Sich voll saufen und dann die Schädel einhauen, wie vor kurzem bei der Kirchweih in Rednitzhembach, das kann es doch nicht sein.
Jesus weiß, was wir bei allen Freiheitswünschen auch haben: die tiefste Sehnsucht nach einem Zuhause, nach Geborgenheit; danach, fest in die Arme genommen zu werden. Im Grund ist es die Sehnsucht nach Gott. Und wer mal in sich hineinhorcht, wird sie entdecken.
Vielleicht müssen manche Menschen erst ganz unten sein, um diese Sehnsucht zu spüren. Diese Sehnsucht steht am Anfang der Umkehr. aufmachen auf den Weg zu Gott. ...
Unser Gleichnis kann man auch erzählen, als Geschichte von einem Menschen, der nicht sieht, was er alles hat. Und auch darin kann sich sicher der eine oder die andere entdecken.
Jeden Morgen erwachte er zur selben Zeit. Wenn die Sonne aufging. Jeden Morgen. Er brauchte ihn niemand wecken. Das hatte er im Blut. Darauf war Verlass. Überhaupt war Verlass auf ihn. Darauf war er stolz. Man konnte sich auf ihn verlassen. Und meistens musste er dann seinen kleinen Bruder aufwecken, der nie so richtig aus dem Bett kam. Immer zu spät dran war.
Er erinnert sich noch gut an den Morgen, an dem das alles
ganz anders war. Als er aufwachte, war das Bett seines Bruders schon leer. Das
Erbe hatte er sich auszahlen lassen und war einfach gegangen. Er hatte sie
einfach allein gelassen. Verstehen konnte er das nie, bis zum heutigen Tag. Wie
kann man nur alles hinschmeißen? Er wurde dann noch ein bisschen stolzer, weil
er wusste, er würde dableiben, beim Vater, den Hof erben. Ein geregeltes Leben
führen.
Und dann kam dieser Tag. Bei Sonnenaufgang war er
aufgestanden wie immer. Aufs Feld war er gegangen, um zu arbeiten, wie immer.
Geschuftet den ganzen Tag, wie immer. Und dann am Abend als er nach Hause kam,
hörte er schon von ferne Musik. Bratengeruch, stieg ihm in die Nase. Was war
los? Ein Knecht erzählte ihn, der kleine Bruder sei wieder da! Deshalb dieses
Fest! Er verstand die Welt nicht mehr. Der kleine Bruder wieder da. Was wollte
der denn? er hatte doch schon alles bekommen? Zuerst war er durcheinander und
dann wurde er wütend und sauer. Ein Fest für diesen Taugenichts! Und er, was
ist ihm. Die sollten doch alleine feiern.
Doch dann kam der Vater. Seine Augen leuchteten vor
Freude. „Komm feiere mit,“ sagte er ihm. Er weiß noch genau. Er redete mit
seinem Vater wie noch nie: „Ich glaube, du spinnst. Ein Riesenfest für diesen
Taugenichts. Und ich. Ich war die ganze Zeit bei dir! Auf mich konntest dich
verlassen! Und dafür nicht mal ein kleines Festchen mit meinen Freunden!“ Er
musste damals über seine eigenen Worte erschrecken! Was würde der Vater jetzt
sagen! Du Neider! Du kleinkarrierter Spießer!
Aber Nein so war es nicht. Der Vater nahm ihn in den Arm.
„Du“, sagte er zu ihm, „du, du gehörst doch sowieso zu mir. Du bist mein Sohn.
Alles was mir gehört, gehört doch auch dir. Ich liebe dich doch sowieso.“
Plötzlich ging ihm auf, was das eigentlich für ihn
bedeutete: Beim Vater zu sein. Alles war so selbstverständlich geworden. Alles
so normal, dass er es gar nicht mehr sehen konnte, was er alles hatte. Es war
wie ein Erwachen aus einem langen Schlaf.
Liebe Gemeinde, sehen wir, was wir alles haben oder merken wir es vor lauter Selbstverständlichkeit nicht. Gott schenkt uns doch so viel. Und wie viele Menschen gibt es, auch hier in Wendelstein, die haben eigentlich alles, was sie brauchen, sind immer noch neidisch auf die anderen und wollen immer noch mehr.
Ist ihnen eigentlich klar, was Gott Ihnen alles schenkt? Und sagen Sie dafür auch danke. Allein das ist ein Grund jeden Sonntag in die Kirche zu gehen. Um Gott eine Stunde in der Woche danke zu sagen für als das, was er uns in den 167 Stunden schenkt. 1 zu 167!
Jesus erzählt diese Geschichte auch für die, die mal wieder daran erinnert werden müssen, was Gott uns alles schenkt. Eine Geschichte gegen den Neid. Ein Geschichte für uns, die verlässlichen Kirchenchristen, nicht abfällig auf die zu sehen, die irgendwann umkehren, wiederkommen. Sondern uns mit Gott zu freuen über jeden und jede, die suchen die fragen, die zu Gott umkehren.
Die dritte Variante der Geschichte von einem, der einfach liebt.
Ja, er liebte seine Söhne, aus ganzem Herzen. Beide, so unterschiedlich sie auch waren. Er liebte die Verlässlichkeit des einen, aber auch die Abenteuerlust des andern. Freilich als der kleine kam, das Erbe verlangte, und in die weite Welt ziehen wollte, tat ihm das sehr weh. Er wusste aber auch. Aufhalten konnte er ihn nicht. Sie oft hatte er in der Zeit, als er weg, an ihn gedacht, für ihn gebetet. Zum Glück war ja noch der Große da. Und dann dieser Tag. Aus der Ferne sah er ihn kommen. Zerlumpt, mit hängenden Kopf, zaghaft und zögernd. Sein Herz hüpfte vor Freude. Er kommt zurück. Er rannte, so schnell seine alten Knochen, es konnten dem Sohn entgegen. Und als dieser dann vor ihm auf die Knie fiel! Hatte er wirklich geglaubt, dass er ihn nicht mehr liebte. Er war doch sein Sohn. Er gehörte doch zu ihm. Natürlich musste ein Fest gefeiert werden. Was denn sonst! So groß war das Glück, so groß die Freude. Dass das für den Großen nicht so leicht sein würde, das war ihm klar. Das musste ungerecht wirken, ein großes Fest, für einen Heimkehrer, der alles verjubelt hatte. Doch er konnte nicht anders. Liebe rechnet nicht.
Als der Große dann nicht zum Fest kommen wollte, hatte er einen Moment Angst: würde er ihn jetzt verlieren. Er, dem doch alles gehört. Mit dem er alles teilte. Er liebte ihn doch genauso wie den Kleinen. Hatte er das vergessen? Natürlich ging er hinaus zu ihm. Die Vorwürfe des Großen waren massiv. Noch nie hatte er ihn so reden hören. Aber es machte ihm nichts. Es war ja auch eine besondere Situation. Und es war gut, dass alles gesagt werden konnte. Auch, wie sehr er beide liebte, wie wichtig sie ihn waren, der eine wie der andere.
„Liebe“ die Überschrift dieser Version des Gleichnisses. Deshalb erzählt Jesus diese Geschichte, weil er davon erzählen, wie Gott uns liebt. Eine jeden von uns. Den, der davonläuft, genauso wie den, der bleibt. Die, die so tut, als wenn sie Gott nicht bräuchte, genauso wie die, die fest glaubt. Er hält die Arme offen für jeden, der kommt. So, wie ein guter Vater seine Kinder.
Im Grunde ist es ist ja eine ungeheuerliche Botschaft. Man muss sich bloß die Größenverhältnisse ansehen: mittlerweile gibt es Milliarden auf dieser Welt. Unser Leben dauert 70, 80, 90 Jahre und Welt besteht seit Jahrmillionen. Was bin ich eigentlich im Fluss der Zeit? Jesus sagt: Jeder einzelne ist wichtig. Gott liebt jeden Menschen wie seinen eigenen Sohn. Wir sind wertvolle und geliebte Menschen. Und jeder und jede kann zu dieser Liebe kommen, umkehren und zu Gott gehören.
Meine Eltern haben zu mir gesagt: Es kann kommen, was will, unsere Tür ist immer für dich offen. Das ist ein großer Halt im Leben. Sagen Sie das ihren Kindern auch?
Bei Gott haben wir immer ein offene Tür. Söhne und Töchter sind wir. Wir sind nicht Knechte des Schicksals, wir sind nicht Figuren des Zufalles, wir sind Söhne und Töchter Gottes. Glauben ist: zu wissen, wo ich hingehöre.
Wenn ihr das in eurer Konfirmandenzeit erfahrt, dann war es nicht umsonst. Wenn ihr dieses Angebot der Liebe Gottes annimmt, dann war es nicht umsonst. Amen.
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre
unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen
Pfarrer Norbert Heinritz, Wendelstein