Zurück zur PredigtsammlungLk 12,13-21, 4.10.2009, Erntedank, St. Georg - Pfr.Norbert Heinritz

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Predigttext Lk 12,13-21

Gegen die Sorge um Reichtum und Lebenssicherung (Der reiche Kornbauer; Übersetzung: Gute Nachricht)

13 Ein Mann in der Menge wandte sich an Jesus: »Lehrer, sag doch meinem Bruder, er soll mit mir das Erbe teilen, das unser Vater uns hinterlassen hat!«314 Jesus antwortete ihm: »Freund, ich bin nicht zum Richter für eure Erbstreitigkeiten bestellt!« 15 Dann sagte er zu allen: »Gebt Acht! Hütet euch vor jeder Art von Habgier! Denn der Mensch gewinnt sein Leben nicht aus seinem Besitz, auch wenn der noch so groß ist.«4 16 Jesus erzählte ihnen dazu eine Geschichte: »Ein reicher Grundbesitzer hatte eine besonders gute Ernte gehabt. 17 Was soll ich jetzt tun?, überlegte er. Ich weiß gar nicht, wo ich das alles unterbringen soll! 18 Ich hab's, sagte er, ich reiße meine Scheunen ab und baue größere! Dann kann ich das ganze Getreide und alle meine Vorräte dort unterbringen 19 und kann zu mir selbst sagen: Gut gemacht! Jetzt bist du auf viele Jahre versorgt. Gönne dir Ruhe, iss und trink nach Herzenslust und genieße das Leben! 20 Aber Gott sagte zu ihm: Du Narr, noch in dieser Nacht werde ich dein Leben von dir zurückfordern! Wem gehört dann dein Besitz?« 21 Und Jesus schloss: »So steht es mit allen, die für sich selber Besitz aufhäufen, aber bei Gott nichts besitzen.«

Liebe Gemeinde,

in einer norddeutschen Kirchengemeinde wurde am Erntedanksonntag der Gottesdienst traditionell in Plattdeutsch gehalten. Man holte dazu extra einen Pfarrer, der von einem Bauernhof stammte und gut Platt reden konnte. Natürlich wurde auch die Lesung des Evangeliums für den Erntedanktag vom reichen Kornbauern auf Plattdeutsch gehalten. Der Schneidermeister vom Ort hielt Jahr für Jahr diese Lesung. Doch einmal, da hielt er inne. Er protestiere gegen diese Evangeliumslesung, sagte er. Er protestiere. Es sei nicht gut, diesen Bibelabschnitt vom reichen Kornbauern vorzulesen, wenn so viele Landwirte den Gottesdienst besuchten. Schließlich würde – in der plattdeutschen Version des Evangeliums – dieser Bauer, der neue Scheunen baute, als „Döskopp“ bezeichnet. Das könne man doch den Landwirten nicht zumuten.

Der Pfarrer musste einiges an Mühe aufwenden, den Lektor davon zu überzeugen, dass es im Gleichnis vom Kornbauern nicht darum ging, einen ganzen Berufsstand schlecht zu machen. Jesus erzähle dieses Beispiel, um eine Haltung deutlich zu machen, die man Menschen aller Berufe und Schichten antreffen kann. So ein Döskopp wie der reiche Bauer könne jeder sein.

Ja, liebe Gemeinde, welche Haltung ist das, vor der uns Jesus mit seinem Gleichnis warnt? Damit wir nicht Dösköppe werden.

Ich finde es jedenfalls zunächst einmal vernünftig, was dieser Bauer tut. Da wird einem eine riesige Ernte geschenkt. Und er überlegt sich: wohin damit? Es ist doch vernünftig, Scheunen zu bauen und die Ernte einzulagern. Niemand von uns würde doch auf die Idee kommen, einen Bauern für einen Narren zu halten, der seinen Stall erweitert, weil es gut läuft. Niemand würde einen Handwerker für verrückt erklären, der eine größere Lagerhalle baut, weil das Geschäft gut geht.

Ich finde es vernünftig, für die Zukunft vorzusorgen. Sie haben wahrscheinlich doch auch Geld auf der hohen Kante oder eine Lebensversicherung fürs Alter. Das ist der Sinn unseres Rentensystems, in jungen Jahren etwas einzuzahlen um dann im Alter in Ruhe leben zu können. Will Jesus das kritisieren?

Im Alten Testament gibt ja eine ganz ähnliche Situation wie die vom reichen Kornbauer. Sie kennen sie alle. Ich meine den Josef. Er lässt auch Scheunen und Vorratslager bauen. In den sieben gutem Jahren mit überreicher Ernte lässt er als Chefverwalter des Pharao in Ägypten, reichlich Vorräte einlagern, um dann für die sieben mageren Jahre genügend zu haben, um der Hungersnot zu entgehen. Vernünftig ist das da und ausdrücklich von Gott gewollt. Warum wird also hier das eine als gut und sinnvoll und dort das gleiche als närrisch bezeichnet. Was ist der Unterschied zwischen Josef und dem reichen Kornbauern?

Drei Punkte sind mir aufgefallen.

Das erste: Sechsmal sagt der reiche Kornbauer in diesem kurzen Gleichnis „ich“ und fünf mal sagt er „mein“. Meine Früchte, meine Scheunen, mein Korn, meine Vorräte, meine Seele. Er führt ein reines Selbstgespräch, nur mit sich selber. Da kommt niemand anders vor: seine Familie nicht, seine Arbeiter nicht, nicht der Ort in dem erlebt, nicht die anderen Bauern und auch Gott nicht. Seine Gedanken drehen sich ganz allein um ihn.

Josef dagegen handelt für das ganze Volk. Die Kornspeicher werden in den dürren Jahren für das Volk geöffnet. Sogar von weit her kommen sie, wie die Brüder des Josef, um der etwas ab zu bekommen. Gewiss macht der Pharao damit auch sein Geschäft, aber es dreht sich nicht nur um ihn, sondern um das ganze Volk.

Das ist die erste Kritik an der Haltung des reichen Kornbauern, dass er nur an sich selber denkt. Ja, liebe Gemeinde: Eigentum verpflichtet. Es ist nicht schlecht, für sich selber vorzusorgen. Aber so wie man sich im Blick hat, muss man immer auch das Gemeinwohl im Blick haben.

Mir hat mal vor einiger Zeit jemand gesagt, der nun wirklich Geld hatte und gut verdient hat: „Ich zahle meine Steuern gern, Herr Pfarrer, auch meine Kirchensteuer. Der Staat muss ja auch seine Aufgabe erfüllen können und die Kirche auch.“ – Ich zahle meine Steuern gern. Wer so etwas sagt, wird heutzutage ausgelacht. Aber das gibt es halt nicht: Ein funktionierende Gemeinwesen, Straßen, Schulen, Sicherheit, Sozialstaat, ohne dass man etwas dafür bezahlt. Wir leben nicht für uns allein. Wer gute Gewinne in die Scheunen einfährt, muss auch etwas beitragen zum Gemeinwohl. Es heißt eben nicht nur ich-ich-ich. Es gibt auch ein wir. Ob wir das langsam in unserer Gesellschaft vergessen?

Der zweite Unterschied zwischen Josef und dem reichen Kornbauern: Josef weiß, wem er alles zu verdanken hat. Josef weiß, dass all das, was er hat, ihm von Gott gegeben ist. Bei dem reichen Kornbauer freilich hat der Dank keinen Platz.

So ist das liebe Gemeinde. Wer nur an sich selber denkt, verlernt das Danken. Eigentlich hätte gerade dieser Kornbauer es anders wissen müssen. Natürlich macht man sich als Bauer seine Mühe und seine Arbeit. Und das wirklich nicht zu wenig. Aber das Wachsen und Gedeihen, das kann kein Bauer machen, das wird einfach geschenkt. Und es gut, Gott dafür dankbar zu sein.

Danke sollten allerdings auch wir andern den Bauern sagen. Denn wir leben von dem, was die mit Mühe und Plage erwirtschaften. Und dafür sollten sie auch entsprechend bezahlt werden. Ich finde es jedenfalls ein Unding, dass die Bauern mittlerweile noch nicht einmal mehr die Produktionskosten für ihre Milch und ihr Getreide bekommen. Danke sollten wir als Verbraucher den Bauern sagen und es nicht zulassen, dass die Konzerne die, von denen wir alle Leben, so sehr in Ende treiben.

Das ist das zweite, was man an der Haltung des Kornbauern kritisieren kann. Dass er das danken vergisst.

Und das dritte: Der reiche Kornbauer redet zwar im Selbstgespräch ständig mit seiner Seele, aber im Grund vergisst er sie. Er hat nur die materiellen Dinge im Blick, die Schätze im Himmel übersieht er. Es gibt den äußeren Reichtum und es gibt es einen inneren Reichtum. Wie viele Menschen sind äußerlich reich und innerlich verarmt.

Martin Luther Kind hat in unserem Bibelabschnitt einen Spiegel unserer Zivilisation gesehen. Er hat gesagt: "Könnte dieser reiche Mann einfach stellvertretend für die westliche Zivilisation in dieser Geschichte stehen? An Gütern und materiellen Erfolgen sind wir reich. Die Mittel, durch die wir leben, sind in der Tat wunderbar. Und doch fehlt etwas. Wir haben gelernt, wie die Vögel zu fliegen und wie die Fische zu schwimmen. Aber wir haben die einfache Kunst nicht gelernt, als Brüder zu leben. Unser Überfluss hat uns weder Frieden noch Zufriedenheit gebracht."

Was uns heutzutage viel mehr bedroht als die materielle Armut ist die Armut der Seele, die das danken und das loben, das lieben und das teilen vergisst. Der Volksmund sagt: Das letzte Hemd hat keine Taschen. Wir können am Ende nichts mitnehmen. Da kommt es auf die Schätze im Himmel an. Das hatte der Kornbauer vergessen und am Ende schmerzlich erfahren.

Also, liebe Gemeinde: Lasst nicht zu, dass am Ende Gott sagt: „Du Döskopp“. Passt auf, dass es nicht nur ich-ich- ich heißt, vergesst das Danken nicht und denkt auch an den inneren Reichtum, an den Reichtum der Seele. Daran erinnert uns heute das Erntedankfest. Amen.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen