
Phil
3,7-14, 1.8.2010, 9. Sonntag nach Trinitatis. St. Georg/Arche
Was zählt im Leben?
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
Predigttext Phil 3,7-14
Aber
was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden
erachtet.
8
Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der
überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um
seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte
es für Dreck, damit ich Christus gewinne
9
und in ihm gefunden werde, dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit,
die aus dem Gesetz kommt, sondern die durch den Glauben an Christus
kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott dem Glauben
zugerechnet wird.
10
Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und
die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleich gestaltet
werden,
11
damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten.
12
Nicht, dass ich's schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich
jage ihm aber nach, ob ich's wohl ergreifen könnte, weil ich von
Christus Jesus ergriffen bin.
13
Meine Brüder, ich schätze mich selbst noch nicht so ein,
dass ich's ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was
dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist,
14
und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen
Berufung Gottes in Christus Jesus.
Liebe Gemeinde,
was ist wirklich wichtig im Leben? Mit was füllen wir unser Leben aus? Mit was füllen wir unsere Tage aus? Welchem Ziel jagen wir nach? Ich möchte von einem Philosophieprofessor erzählen, der einmal folgenden Versuch machte:
Der Philosophieprofessor stand vor seinen Studenten und hatte ein paar Dinge vor sich liegen. Als der Unterricht begann nahm er ein großes leeres Mayonnaiseglas und füllte es bis zum Rand mit großen Steinen. Anschließend fragte er seine Studenten, ob das Glas voll sei. Sie stimmten ihm zu.
Der Professor nahm eine Schachtel mit Kieselsteinen und schüttete sie in das Glas und schüttelte es leicht. Die Kieselsteine rollten natürlich in die Zwischenräume der größeren Steine. Dann fragte er seine Studenten erneut, ob das Glas jetzt voll sei. Sie stimmten wieder zu und lachten.
Der Professor seinerseits nahm eine Schachtel mit Sand und schüttete ihn in das Glas. Natürlich füllte der Sand die letzten Zwischenräume im Glas aus. "Nun", sagte der Professor zu seinen Studenten, "ich möchte, dass Sie erkennen, dass dieses Glas wie Ihr Leben ist! Die Steine sind die wichtigen Dinge im Leben: Ihre Familie, Ihr Partner, Ihre Gesundheit, Ihre Kinder - Dinge, die - wenn alles andere wegfiele und nur sie übrig blieben - Ihr Leben immer noch erfüllen würden. Die Kieselsteine sind andere, weniger wichtige Dinge, wie z.B. Ihre Arbeit, Ihre Wohnung, Ihr Haus oder Ihr Auto. Der Sand symbolisiert die ganz kleinen Dinge im Leben.
Wenn Sie den Sand zuerst in das Glas füllen, bleibt kein Raum für die Kieselsteine oder die großen Steine. So ist es auch in Ihrem Leben: Wenn Sie all Ihre Energie für die kleinen Dinge in ihrem Leben aufwenden, haben Sie für die großen keine mehr. Achten Sie daher auf die wichtigen Dinge; nehmen Sie sich Zeit für Ihre Kinder oder Ihren Partner, achten Sie auf Ihre Gesundheit. Es wird noch genug Zeit geben für Arbeit, Haushalt, Partys usw. Achten Sie zuerst auf die großen Steine - sie sind es, die wirklich zählen. Der Rest ist nur Sand."
Liebe Gemeinde, mir gefällt diese Geschichte, weil sie uns darauf hinweist, auf die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu achten, auf das, was ein Leben erfüllt und reich macht. Darauf sollten wir uns eigentlich jeden Tag besinnen: Mit was füllen wir eigentlich unser Leben? Mit den wichtigen oder unwichtigen Dingen? Füllen wir unser Leben richtig?
Vielleicht fragen Sie sich mittlerweile, was hat diese Geschichte vom Mayonnaiseglas mit unserem Bibelwort des Paulus zu tun. Die Antwort lautet: Bei beiden geht es um die Frage: Was ist eigentlich im Leben wichtig? Was nimmt den meisten Platz im Leben ein?
Wie der Philosophieprofessor gibt Paulus auch eine ganz eindeutige und klare Antwort, wenn auch eine etwas andere. Paulus sagt: Das Wichtigste für mich ist die überschwängliche Erkenntnis Christi als seinen Herrn. Oder anders gesagt: Der unvergleichliche Gewinn im Leben des Paulus ist, dass Jesus sein Herr ist. Ihn möchte er immer mehr erkennen. Aus seiner Kraft möchte er leben. Der Auferstehung möchte er entgegenstreben. Weil Paulus erfahren hat: Jesus macht das Leben reich und erfüllt.
Wenn wir den Vergleich mit dem Mayonnaiseglas heranziehen, würde Paulus sagen: ich habe einen unvergleichlich kostbaren Edelstein gefunden, ein ganz großer funkelnder Stein: Jesus Christus. Oder noch genauer: nicht Paulus hat diesen Edelstein gefunden, sondern Paulus wurde von dem Edelstein gefunden.
Und damit dieser Edelstein Platz hatte im Leben des Paulus, musste erst einmal vieles raus. Dinge, die ihm früher total wichtig waren, aber jetzt im Weg waren. Paulus nennt das jetzt Unrat, Abfall, Dreck. Radikale Worte, aber aus seiner Sicht verständlich: Weil er erkannt hat, dass er Dinge für wichtig nahm, die für ihn nicht gut waren.
Was hat Paulus da alles rausgeworfen? Es war seine Karriere als angehender Schriftgelehrter. Es war sein zwanghafter religiöser Eifer, alle Gebote erfüllen zu wollen. Es war sein Streben, immer besser zu sein als die andern. Es war sein Stolz, als Jude vom Stamm Benjamin sogar zum erwählten Volk zu gehören. Es war seine Überzeugung, er könne sich selber Heil und Glück verschaffen.
Paulus musste in seinem Leben radikal aufräumen, er musste viel hinter sich lassen und Platz schaffen für Christus, dass er ihn fülle. Ein paar der neuen, großen, wichtigen Steine in seinem Glas des Lebens nennt er in unserem Bibelwort.
Es ist der Glaube, der ihm jetzt wichtig ist. Das Vertrauen auf Jesus und nicht auf die eigene Kraft. Diese Erkenntnis, dass er zwar sein Leben anpacken muss, die Erfüllung im Leben aber einfach von Gott geschenkt wird.
So ein großer wichtiger Stein ist Paulus die Kraft der Auferstehung. Es ist diese Kraft, die daraus erwächst, dass man damit rechnet, dass am Ende Leben immer stärker ist als der Tod. Das ist eine innere Kraft, die man innerlich spüren kann. So ein großer Stein ist auch – und das ist ganz erstaunlich – die Gemeinschaft mit Jesu Leiden. Was soll das heißen? Ich verstehe das so, dass Paulus das eigene Leid und den Schmerz im Leben annehmen kann und nicht wegschieben muss. Weil eben auch das zum Leben gehört. Er kann sagen: Ja, es gibt Leiden, es gibt schwierige Zeiten, aber bei allem bin ich nicht allein.
Und andere große Steine, mit denen Paulus sein Leben füllen lässt, heißen für ihn Frieden, Versöhnung oder Glaube, Hoffnung, Liebe.
Die Frage, vor die uns unser Bibelwort heute stellt: Wie füllen wir unser Leben? Wie füllen wir jeden Tag? Was ist uns wichtig? Was sind die großen Steine in unserem Glas? Denken Sie mal nach: Wie war das in der vergangenen Woche?
Auch ich habe mir bei der Vorbereitung dieser Predigt dann diese Frage gestellt. Und ehrlich gesagt: auch bei einem Pfarrer gibt es da viel Sand. Da beschäftige ich mich mit Baufragen zum Kindergarten, da muss das Gemeindefest abgerechnet werden, da kommt ein neuer Kopierer für das Pfarramt, den man bedienen können muss. Da hockt man in dieser Sitzung und in jener. Irgendwie ist das alles schon auch wichtig, aber ist dann noch Platz für die großen Steine? Für die Menschen, für die man als Pfarrer ja da sein soll? Oder dann auch noch für meine Familie? Und für Gott? Für stille Zeit, Gebet, Spiritualität? Oft zu wenig. Das sollte mich, das sollte uns alle nachdenklich machen.
Ja, wie viel unwichtige Dinge nehmen wir im Leben manchmal so schrecklich wichtig. Da brauche ich mir doch bloß mal die Jugendlichen ansehen: Wie wichtig sind da Handy, Computer, Fernsehen, Internet? Wie viel Zeit verbringen junge Menschen heutzutage mit diesem Zeug. Derweil ist das wirklich nur Sand. Gut, wenn man es hat, und wenn nicht, dann eben nicht! Oder eher bei den Mädels: Aussehen, Frisur, Schminken, Kleidung – Derweil ist das wirklich nur Sand.
Was nehmen auch wir Erwachsenen immer so wichtig: Erfolg, Karriere, Ansehen, Haus, Auto, Garten – Sie wissen es doch alles selber - bestenfalls Kieselsteine.
Füllen wir unsere Tage nur mit all dem Zeug, dann ist kein Platz mehr für die wirklich wichtigen Angelegenheiten: Für unsere Beziehungen, für Glaube, Liebe, Hoffnung, für Gott, der unser Leben füllen will.
Mir hat mal ein älterer Mann gesagt, der früher nie im Gottesdienst war und dann mit einem Mal jeden Sonntag kam: Ich habe so viel im Leben geschuftet und gemacht und jetzt im Alter denke ich mir oft: für die wirklich wichtigen Sachen habe ich mir zu wenig Zeit genommen.
Wir stehen also immer wieder vor der Frage: Was ist – um mit Paulus zu reden – Unrat, Dreck, was Platz wegnimmt. Das kann ganz Verschiedenes sein: Offene Rechnungen mit andern zum Beispiel. Manche pflegen ihre offenen Rechnungen mit anderen regelrecht, aber da ist kein Platz für Versöhnung und Frieden. Manchmal ist es Unzufriedenheit, die sich so breit machen kann, dass kein Platz mehr ist für den Glauben. Manchmal sind es Sorgen, die sich so breit machen, dass für Gott gar kein Platz mehr ist.
Paulus sagt: Schmeiß den Unrat raus. Schaff Platz für Christus, für die Kraft der Auferstehung und des Neuanfangs. Ja, was solltest du hinauswerfen aus deinem Leben, dass Platz ist für Christus?
Noch ein Gedanke zum Schluss: Paulus sagt: Nicht, dass ich schon vollkommen wäre. Nicht, dass ich eigentlich schon genau wüsste, ich jage ihm noch nach. Ich verstehe das so: Das Füllen des Mayonnaiseglases ist jeden Tag einen neue Aufgabe. Solange wir leben sind wir damit nicht fertig. Jeden Tag stehen wir vor der Frage, was kommt heute hinein in unser Leben. Aber wie wir es auch füllen, wie wir dem Ziel auch entgegen streben, bei allem sind wir als Getaufte jetzt schon von Christus ergriffen. Wir sind jetzt schon in seiner Hand. Das ist der Edelstein. Das ist das Großartige: Jesus ist in unserem Leben, wenn er nur genug Platz bekommt. Amen.
Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
Pfr. Norbert Heinritz, Wendelstein