Textlesung:
Als Jesus wieder fort ging aus dem Gebiet von Tyrus, kam er durch Sidon an das Galiläische Meer, mitten in das Gebiet der Zehn Städte.
Und sie brachten zu ihm einen, der taub und stumm war, und baten ihn, dass er die Hand auf ihn lege.
Und er nahm ihn aus der Menge beiseite und legte ihm die Finger in die Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel und
sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hefata!, das heißt: Tu dich auf!
Und sogleich taten sich seine Ohren auf, und die Fessel seiner Zunge löste sich, und er redete richtig.
Und Jesus gebot ihnen, sie sollten es niemandem sagen. Je mehr er´s aber verbot, umso mehr breiteten sie es aus.
Und sie wunderten sich über die Maßen und sprachen: Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hörend und die Sprachlosen redend.
Liebe
Gemeinde!
Da sind Menschen in der Gegend vom See Genezareth, die bringen einen Mann zu Jesus; einen Taubstummen. Er kommt nicht in eigener Initiative, aber er hat Freunde, die ihn abholen und mitnehmen.
Je nach Gemütslage brauchen wir das manchmal, dass jemand uns bei der Hand nimmt und uns dorthin begleitet, wo das Leben zu finden ist.
Vielleicht gibt es einen Menschen in ihrer Nachbarschaft, den sie zum Gottesdienstbesuch motivieren könnten, indem sie ihn abholen und gemeinsam mit ihm in die Kirche kommen.
Der Mann, den sie zu Jesus brachten, war taubstumm. Es steht für mich außer Frage, dass der Mann wirklich taubstumm war und Jesus ihn tatsächlich geheilt hat. Aber wie jeder Abschnitt der Heiligen Schrift ist auch dieser ein Wort an jeden von uns ganz persönlich, ein Tatwort Gottes an uns hier und heute.
Was entspricht der Not des Taubstummen in meinem Leben?
Was entspricht der Not des Taubstummen in Ihrem Leben?
Auf welchem Ohr sind wir taub geworden – taub für die Stimme der Liebe?
Manchmal verschließen wir unsere Ohren und schotten uns ab, weil wir unser Umfeld als feindselig erleben und uns abgelehnt fühlen. Oder weil wir uns überfordert fühlen von all dem, was auf uns einstürmt. Wenn wir dicht machen, wenn wir uns vor der Welt und den Menschen verschließen, kann auch die Stimme der Liebe nicht mehr an unser Ohr dringen.
Wenn aber die Stimme der Liebe uns nicht mehr erreichen kann, verkümmern wir zusehends.
Genau da will Jesus uns heute begegnen, wo die Not dieses Taubstummen meine und deine verborgene Not berührt. Er will uns begegnen als der, der heilt, der neues Leben schenkt.
Wie liebevoll geht Jesus mit dem Taubstummen um! Er nimmt ihn beiseite, weg von der Menge. Er schützt ihn vor neugierigen oder abschätzigen Blicken. Jesus nimmt sich Zeit, ganz allein für diesen Menschen. Er wendet sich ihm ganz zu und legt ihm seine Finger in die Ohren. Das ist eine zärtliche Geste. Jesus lässt den Kranken spüren, dass Worte der Liebe und Zuwendung, Worte der Zärtlichkeit und Annahme an sein Ohr dringen wollen. Jesus nimmt ihn beiseite und schafft so einen Raum der Geborgenheit, in dem der Taubstumme neues Vertrauen fassen kann.
Die Not dieses Mannes ist ja eine doppelte: Er ist nicht nur taub, sondern auch stumm. Er teilt sich niemandem mit, frisst alles in sich hinein. Vielleicht ist er zu oft abgewiesen worden und hat das Gefühl: Keiner hat ein offenes Ohr für mich.
Ich kann mich noch gut erinnern, was mich als Kind und Jugendliche an meiner älteren Schwester am meisten geärgert hat: Wenn ich ihr was erzählen wollte, hat sie fast immer nebenher gelesen. Sie war nämlich eine ausgesprochene Leseratte. Wenn ich dann sagte: „Du hörst mir ja gar nicht zu!“, sagte sie: „Ich hab alles mitgekriegt“ und wiederholte die letzten Sätze, die ich gesagt hatte. Aber ich fühlte mich trotzdem missachtet und nicht ernst genommen, denn ich hatte im Gegensatz zu ihr ein ausgeprägtes Bedürfnis, mich mitzuteilen.
Vermutlich hat jeder von uns schon einmal in einer Gesellschaft oder bei einer Besprechung eine so eisige Atmosphäre erlebt, dass ihm das Wort im Hals stecken blieb. Unsere deutsche Sprache hat dafür gleich mehrere bildhafte Ausdrücke: „Mir hat´s die Stimme verschlagen“; oder „meine Kehle war wie zugeschnürt“.
Es gibt auch Kinder, die sich in der Schule nie zu Wort melden. Zu tief steckt die Angst in ihnen, sie könnten was Falsches sagen, oder mitten im Satz stecken bleiben und sich irgendwie blamieren. So bleiben sie lieber stumm.
Jesus wendet sich dem Kranken mit ungeteilter Aufmerksamkeit zu. Genau so wendet sich Jesus dir mit ungeteilter Liebe zu, gerade da, wo deine tiefste Lebenswunde ist.
Er berührt seine Zunge mit Speichel. Das ist eine sehr intime Geste. An seinem wundesten Punkt berührt Jesus ihn mit der größten Zärtlichkeit.
Dann schaut Jesus zum Himmel auf. Er verbindet sich mit seinem Vater; mit dem, der der Ursprung des Wortes ist. „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort“, so lesen wir im Johannesevangelium. Dieses göttliche Wort trägt die Kraft in sich, uns aus aller Erstarrung zu lösen und zum Leben zu führen.
Angesichts des Taubstummen seufzt Jesus. Das heißt, er fühlt mit ihm, er spürt dessen Not in seinem eigenen Herzen. Er leidet mit ihm. So weit öffnet Jesus sein Herz für uns. Er heilt uns nicht aus sicherer Entfernung, von oben herab.
In seinem Seufzen verbindet Jesus sich mit unserem Schmerz, mit unserer Not und hält uns so dem Vater hin.
Er spricht nur ein Wort, aber in diesem einen Wort liegt die ganze Kraft und Herrlichkeit Gottes: „Hefata! Tu dich auf! Öffne dich!“
Mit diesem göttlichen Machtwort öffnet sich der Himmel über dem Taubstummen. Mit diesem göttlichen Machtwort öffnet sich der Himmel über dir und mir. Die Fesseln der Angst lösen sich, die Verkrampfung und Erstarrung muss weichen.
Mit einem Mal kannst du sie wieder hören, die Stimme seiner Liebe. Du hörst sie heraus aus den Worten der Bibel und aus den Worten deiner Mitmenschen. Du vernimmst sie beim Anblick einer Blume oder aus dem Zwitschern eines Vogels. Plötzlich geht dir auf, dass sie ja allgegenwärtig ist, diese wunderbare Stimme seiner Liebe. Dass sie nur übertönt wurde vom schrillen Getöse deiner Angst oder verschüttet war unter deiner stummen Verzweiflung.
Wir brauchen es immer wieder, dass Jesus sein „Hefata!“ spricht, damit die Stimme seiner Liebe wieder unser Ohr und vor allem unser Herz erreichen kann.
Diese wunderbare Stimme der Liebe will unser Herz mehr und mehr erfüllen, bis unser Mund überfließt vor Freude und wir gar nicht mehr anders können, als Gott zu loben mit Worten, Liedern und unserem fröhlichem Lachen.
So will Jesus heute auch unsere verschlossenen oder stumpf gewordenen Sinne heilen und uns aufschließen für die Gemeinschaft mit Gott, die uns befähigt zur Gemeinschaft mit unseren Mitmenschen. Wer sich von Jesus berühren lässt, wird aus dem Staunen nicht mehr herauskommen und mit den Menschen von damals begeistert ausrufen:
„Es ist einfach großartig, was er tut! Selbst Taube können wieder hören und Stumme sprechen!“
Amen.
Annette C. Gerstner, Gemeindereferentin