Textlesung:
Mose
hieb zwei
steinerne Tafeln zu, wie die ersten waren, und stand am Morgen
früh auf
und stieg auf den Berg Sinai, wie ihm der HERR geboten hatte, und nahm
die zwei steinernen Tafeln in seine Hand.
Da
kam der HERR
hernieder in einer Wolke, und Mose trat daselbst zu ihm und rief den
Namen des HERRN an.
Und
der HERR ging vor seinem Angesicht vorüber
und rief: Jahwe, Jahwe, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig
und von
großer Gnade und Treue,
der
da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt
Missetat, Übertretung und Sünde, aber ungestraft lässt
er niemand,
sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und
Kindeskindern
bis ins dritte und vierte Glied!
Und
Mose neigte
sich eilends zur Erde und betete an
Und
sprach: Hab
ich, HERR, Gnade vor deinen Augen gefunden, so gehe der HERR in unserer
Mitte, denn es ist ein halsstarriges Volk; und vergib uns unsere
Missetat und Sünde und lass uns dein Eigentum sein.
Und
der HERR sprach: Siehe, ich will einen Bund schließen: Vor deinem
ganzen
Volk will ich Wunder tun, wie sie nicht geschehen sind in allen Landen
und unter allen Völkern, und das ganze Volk, in dessen Mitte du
bist,
soll des HERRN Werk sehen; denn wunderbar wird sein, was ich an dir tun
werde.
Liebe Gemeinde!
Dreimal schon
hatte ich Gelegenheit,
diese gewaltige Gottesbegegnung auf dem Mosesberg im Sinai
nachzuempfinden. Und jedes Mal hat es mich von neuem tief berührt:
Der lange
nächtliche Aufstieg unter
einem funkelnden Sternenhimmel, die eisige Kälte oben,
während man auf
den Sonnenaufgang wartet. Dann endlich die lang ersehnten ersten
Sonnenstrahlen, die die von Natur aus rötlichen Felsen in ein
wunderbar
warmes orange-rotes Licht tauchen.
Da fällt es
nicht schwer, sich die Wolke, in der Jahwe hernieder
kam, vorzustellen und seine Stimme, die rief:
„Jahwe, Jahwe,
Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von
großer Gnade und Treue,
der da Tausenden
Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung
und Sünde, aber ungestraft lässt er niemand, sondern sucht
die Missetat
der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und
vierte
Glied!“
Mose tat in
dieser
Situation das einzig Angemessene und wahrhaft Menschliche: „Er neigte
sich eilends zur Erde und betete an.“ Er warf sich Gott zu
Füßen und er
warf sich zugleich vertrauensvoll in seine Arme, stellvertretend
für
sein ganzes Volk. Mose tat genau das, was Martin Luther in seiner
Erklärung zum 1. Gebot in die Worte fasst: Wir sollen Gott
über alle
Dinge fürchten, lieben und ihm vertrauen.
Natürlich
kann ich
Gott in jeder Kirche oder auch zu Hause in meinem Zimmer anbeten.
Aber ich nutze
jede Gelegenheit, bei
schönem Wetter einen hohen Berg zu besteigen. Oben zu stehen und
den
Blick schweifen zu lassen, ergriffen von der Schönheit und
Mächtigkeit
der Schöpfung, das ist für mich Anbetung Gottes, eine ganz
eigene Art
der Gottesbegegnung.
Die vielen
Gipfelkreuze in den Alpen wollen weit mehr, als nur
den jeweils höchsten Punkt markieren. Sie wollen uns an Gottes
Gegenwart
in Jesus Christus erinnern und in die Anbetung führen.
Als Gott dem
Mose
begegnet, stellt er sich ihm erneut vor; obwohl es ja keineswegs Moses
erste Gottesbegegnung war.
Gott offenbart
sich, er stellt sich uns immer wieder vor, und
rückt damit unsere selbst entworfenen Gottesbilder zurecht.
„Jahwe, Jahwe,
Gott, barmherzig und
gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue…“
Große
Worte – aber
sie halten jeder Überprüfung ihrer Alltagstauglichkeit stand.
Schauen
Sie ihr Leben an, Ihren ganz persönlichen Alltag. Wo ist Ihnen
Gott in
letzter Zeit barmherzig oder geduldig oder gnädig entgegengekommen?
Ich bin immer
wieder von neuem beschämt über
Gottes Geduld mit
mir. Wie oft schon habe ich meinen eigenen Befürchtungen mehr
geglaubt
als Gottes Zusagen. Und immer wieder lasse ich mich durch unwichtige
Dinge vom beten abhalten. Trotzdem hat Gott mich noch nie fallen
gelassen. Ich lebe von seiner Geduld mit mir.
Auch Gottes
Gnade
habe ich in den letzten Monaten hautnah erlebt. Wie oft hatte mich die
schwere Krankheit meiner Mutter und die schwierige Organisation ihrer
Betreuung in den letzten Monaten an den Rand der Verzweiflung gebracht.
Und dann hat Gott mir den Freiraum geschenkt, in den Sommerferien zwei
Wochen Urlaub zu machen und danach gab er mir die Kraft, meine Mutter
im
Sterben zu begleiten. Letzten Endes ist sie nur zweieinhalb Wochen fest
im Bett gelegen bis Gott sie in die Ewigkeit gerufen hat.
Rückblickend
kann ich nur sagen: Gott hat gnädig eingegriffen, er hat alles gut
gemacht.
Immer wieder
zeigt
Gott sich uns als der Barmherzige. Ja, er hat uns in sein Herz
geschlossen.
Er schenkt uns
so
viel, was wir oft als selbstverständlich ansehen und gar nicht
bewusst
als Gottes Geschenk wahrnehmen.
Auch im Leid und
oft gerade da, erfahren wir Gottes Treue und
Zuwendung. Er bleibt an unserer Seite, auch wenn alles zerbricht.
Gott offenbart
sich, er stellt sich vor als der, der vergibt. Er nagelt uns nicht fest
auf unsere Schuld und unsere Fehler. Dafür hat sich Jesus an
unsrer
Statt festnageln lassen. Wir dürfen mit allem, was uns belastet,
zu Gott
kommen. Er vergibt uns um Jesu willen.
Und doch
offenbart
Gott uns auch die andere Seite: Es ist nicht egal, wie wir leben. Unser
Tun und Lassen hat Auswirkungen auf die nächsten Generationen,
„bis ins
3. und 4. Glied“. Am letzten Dienstag sagte jemand im Hauskreis: „Das
ist doch ungerecht!“ Bei Themen wie Umwelt, Klimawandel oder
Energiehaushalt leuchtet es uns unmittelbar ein: Wenn wir die Natur
zugrunde richten, werden unsere Enkel und Urenkel schwer darunter zu
leiden haben. Ebenso gilt: Wenn wir gottlos leben und unseren Kindern
keine Gottesfurcht vorleben, treten sie ein sehr schweres Erbe an.
Auf der anderen
Seite verspricht Gott, dass unser Vertrauen und Gehorsam ihm
gegenüber
Auswirkungen hat auf die nächsten Tausend Generationen. Ist das
nicht
unglaublich?!
Als Mose das
alles hört, neigt er sich eilends zur Erde und betet
Gott an.
Er gibt sich
Gott
ganz hin und bittet ihn nicht um dies oder das, sondern er bittet um
das
Eine, Wesentliche: Um innige Gemeinschaft mit Gott für sich und
sein
Volk. „Geh in unserer Mitte“, so
bittet er Gott. Halte uns aus in unserer Starrköpfigkeit. Hab
Geduld mit
uns. Mose weiß, welche Zumutung er und sein Volk für Gott
sind. Er fleht
ihn an: Halte uns aus, lass uns nicht fallen, bleib in unserer Mitte.
Halte uns fest, wenn wir weglaufen wollen. Lass Gnade vor Recht
ergehen.
Lass uns aus deiner Vergebung leben, sonst sind wir verloren.
Kurz
zusammengefaßt: Lass uns dein
Eigentum sein.
Und Gott
erhört
sein Gebet. Er halst sich dieses halsstarrige Volk auf, ohne wenn und
aber. Er bindet sich an seine Menschen für Zeit und Ewigkeit. Und
er
kündigt ein nie da gewesenes Wunder an, das wunderbar und
Ehrfurcht
erregend sein wird.
Etwa 1300 Jahre
später ist das Wunder geschehen. Inmitten seines halsstarrigen
Volkes
wird Gott in Jesus Mensch und öffnet sein Erbarmen und sein Heil
für
jeden Menschen, der über diese Erde geht. So sind auch wir, wenn
wir an
Jesus Christus glauben, hinein genommen in diese wunderbare
Gemeinschaft
mit Gott. Er geht in unserer Mitte, er hält es mit uns aus und vergibt uns immer wieder und wir
dürfen für immer zu ihm gehören.
Amen.
Annette C. Gerstner, Gemeindereferentin