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Gottesbegegnung
Predigt 2. Mose 34,4-10
St. Georg, Arche 26.10.2008

 

Textlesung:

Mose hieb zwei steinerne Tafeln zu, wie die ersten waren, und stand am Morgen früh auf und stieg auf den Berg Sinai, wie ihm der HERR geboten hatte, und nahm die zwei steinernen Tafeln in seine Hand.

Da kam der HERR hernieder in einer Wolke, und Mose trat daselbst zu ihm und rief den Namen des HERRN an.

Und der HERR ging vor seinem Angesicht vorüber und rief: Jahwe, Jahwe, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue,

der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde, aber ungestraft lässt er niemand, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied!

Und Mose neigte sich eilends zur Erde und betete an

Und sprach: Hab ich, HERR, Gnade vor deinen Augen gefunden, so gehe der HERR in unserer Mitte, denn es ist ein halsstarriges Volk; und vergib uns unsere Missetat und Sünde und lass uns dein Eigentum sein.

Und der HERR sprach: Siehe, ich will einen Bund schließen: Vor deinem ganzen Volk will ich Wunder tun, wie sie nicht geschehen sind in allen Landen und unter allen Völkern, und das ganze Volk, in dessen Mitte du bist, soll des HERRN Werk sehen; denn wunderbar wird sein, was ich an dir tun werde.

 

 

Liebe Gemeinde!

Dreimal schon hatte ich Gelegenheit, diese gewaltige Gottesbegegnung auf dem Mosesberg im Sinai nachzuempfinden. Und jedes Mal hat es mich von neuem tief berührt:

Der lange nächtliche Aufstieg unter einem funkelnden Sternenhimmel, die eisige Kälte oben, während man auf den Sonnenaufgang wartet. Dann endlich die lang ersehnten ersten Sonnenstrahlen, die die von Natur aus rötlichen Felsen in ein wunderbar warmes orange-rotes Licht tauchen.

Da fällt es nicht schwer, sich die Wolke, in der Jahwe hernieder kam, vorzustellen und seine Stimme, die rief:

„Jahwe, Jahwe, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue,

der da Tausenden Gnade bewahrt und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde, aber ungestraft lässt er niemand, sondern sucht die Missetat der Väter heim an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Glied!“

 

Mose tat in dieser Situation das einzig Angemessene und wahrhaft Menschliche: „Er neigte sich eilends zur Erde und betete an.“ Er warf sich Gott zu Füßen und er warf sich zugleich vertrauensvoll in seine Arme, stellvertretend für sein ganzes Volk. Mose tat genau das, was Martin Luther in seiner Erklärung zum 1. Gebot in die Worte fasst: Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und ihm vertrauen.

 

Natürlich kann ich Gott in jeder Kirche oder auch zu Hause in meinem Zimmer anbeten.

Aber ich nutze jede Gelegenheit, bei schönem Wetter einen hohen Berg zu besteigen. Oben zu stehen und den Blick schweifen zu lassen, ergriffen von der Schönheit und Mächtigkeit der Schöpfung, das ist für mich Anbetung Gottes, eine ganz eigene Art der Gottesbegegnung.

Die vielen Gipfelkreuze in den Alpen wollen weit mehr, als nur den jeweils höchsten Punkt markieren. Sie wollen uns an Gottes Gegenwart in Jesus Christus erinnern und in die Anbetung führen.

 

Als Gott dem Mose begegnet, stellt er sich ihm erneut vor; obwohl es ja keineswegs Moses erste Gottesbegegnung war.

Gott offenbart sich, er stellt sich uns immer wieder vor, und rückt damit unsere selbst entworfenen Gottesbilder zurecht.

„Jahwe, Jahwe, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue…“

 

Große Worte – aber sie halten jeder Überprüfung ihrer Alltagstauglichkeit stand. Schauen Sie ihr Leben an, Ihren ganz persönlichen Alltag. Wo ist Ihnen Gott in letzter Zeit barmherzig oder geduldig oder gnädig entgegengekommen?

Ich bin immer wieder von  neuem beschämt über Gottes Geduld mit mir. Wie oft schon habe ich meinen eigenen Befürchtungen mehr geglaubt als Gottes Zusagen. Und immer wieder lasse ich mich durch unwichtige Dinge vom beten abhalten. Trotzdem hat Gott mich noch nie fallen gelassen. Ich lebe von seiner Geduld mit mir.

 

Auch Gottes Gnade habe ich in den letzten Monaten hautnah erlebt. Wie oft hatte mich die schwere Krankheit meiner Mutter und die schwierige Organisation ihrer Betreuung in den letzten Monaten an den Rand der Verzweiflung gebracht. Und dann hat Gott mir den Freiraum geschenkt, in den Sommerferien zwei Wochen Urlaub zu machen und danach gab er mir die Kraft, meine Mutter im Sterben zu begleiten. Letzten Endes ist sie nur zweieinhalb Wochen fest im Bett gelegen bis Gott sie in die Ewigkeit gerufen hat. Rückblickend kann ich nur sagen: Gott hat gnädig eingegriffen, er hat alles gut gemacht.

 

Immer wieder zeigt Gott sich uns als der Barmherzige. Ja, er hat uns in sein Herz geschlossen.

Er schenkt uns so viel, was wir oft als selbstverständlich ansehen und gar nicht bewusst als Gottes Geschenk wahrnehmen.

Auch im Leid und oft gerade da, erfahren wir Gottes Treue und Zuwendung. Er bleibt an unserer Seite, auch wenn alles zerbricht.

 

Gott offenbart sich, er stellt sich vor als der, der vergibt. Er nagelt uns nicht fest auf unsere Schuld und unsere Fehler. Dafür hat sich Jesus an unsrer Statt festnageln lassen. Wir dürfen mit allem, was uns belastet, zu Gott kommen. Er vergibt uns um Jesu willen.

 

Und doch offenbart Gott uns auch die andere Seite: Es ist nicht egal, wie wir leben. Unser Tun und Lassen hat Auswirkungen auf die nächsten Generationen, „bis ins 3. und 4. Glied“. Am letzten Dienstag sagte jemand im Hauskreis: „Das ist doch ungerecht!“ Bei Themen wie Umwelt, Klimawandel oder Energiehaushalt leuchtet es uns unmittelbar ein: Wenn wir die Natur zugrunde richten, werden unsere Enkel und Urenkel schwer darunter zu leiden haben. Ebenso gilt: Wenn wir gottlos leben und unseren Kindern keine Gottesfurcht vorleben, treten sie ein sehr schweres Erbe an.

 

Auf der anderen Seite verspricht Gott, dass unser Vertrauen und Gehorsam ihm gegenüber Auswirkungen hat auf die nächsten Tausend Generationen. Ist das nicht unglaublich?!

Als Mose das alles hört, neigt er sich eilends zur Erde und betet Gott an.

 

Er gibt sich Gott ganz hin und bittet ihn nicht um dies oder das, sondern er bittet um das Eine, Wesentliche: Um innige Gemeinschaft mit Gott für sich und sein Volk.  „Geh in unserer Mitte“, so bittet er Gott. Halte uns aus in unserer Starrköpfigkeit. Hab Geduld mit uns. Mose weiß, welche Zumutung er und sein Volk für Gott sind. Er fleht ihn an: Halte uns aus, lass uns nicht fallen, bleib in unserer Mitte. Halte uns fest, wenn wir weglaufen wollen. Lass Gnade vor Recht ergehen. Lass uns aus deiner Vergebung leben, sonst sind wir verloren.

Kurz zusammengefaßt: Lass uns dein Eigentum sein.

 

Und Gott erhört sein Gebet. Er halst sich dieses halsstarrige Volk auf, ohne wenn und aber. Er bindet sich an seine Menschen für Zeit und Ewigkeit. Und er kündigt ein nie da gewesenes Wunder an, das wunderbar und Ehrfurcht erregend sein wird.

 

Etwa 1300 Jahre später ist das Wunder geschehen. Inmitten seines halsstarrigen Volkes wird Gott in Jesus Mensch und öffnet sein Erbarmen und sein Heil für jeden Menschen, der über diese Erde geht. So sind auch wir, wenn wir an Jesus Christus glauben, hinein genommen in diese wunderbare Gemeinschaft mit Gott. Er geht in unserer Mitte, er hält es mit uns aus und  vergibt uns immer wieder und wir dürfen für immer zu ihm gehören.

Amen.

 

 
 

 

Annette C. Gerstner, Gemeindereferentin