Gott schickt einen Engel
Predigt 1.Kö.19,1-8
St. Georg/Arche 24.2.08
Liebe Gemeinde!
Biblische Geschichten können für uns wie ein Spiegel sein. Auch wenn die Ereignisse schon Jahrhunderte zurückliegen, finden wir uns darin wieder mit unseren Gedanken, mit unseren Gefühlen, mit unserer Lebenssituation. So kann uns das, was der Prophet Elia erlebt hat, hier und heute trösten und uns neuen Lebensmut schenken.
Der Prophet Elia hat einen sehr bewegten und aufregenden Lebensabschnitt hinter sich. Sein Volk, die Israeliten, wollten von Gott nichts mehr wissen. Sie opferten dem Baal, einer heidnischen Gottheit. Die Königin Isebel hatte diesen Baalskult eingeführt.
Der Prophet Elia kämpft darum, sein Volk zurückzuführen zum Glauben an den Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat.
Wie im Rausch lässt Elia eines Tages alle Baalspriester umbringen.
Als das Königin Isebel erfährt, trachtet sie ihm nach dem Leben. Da schlägt Elias Glaubensmut um in tiefe Verzweiflung.
Ich lese einige Verse aus dem 1.Buch der Könige, Kapitel 19:
Ahab sagte Königin Isebel alles, was Elia getan hatte und wie er alle Propheten Baals mit dem Schwert umgebracht hatte.
Da sandte Isebel einen Boten zu Elia und ließ ihm sagen: Die Götter sollen mich strafen, wenn ich dich nicht bis morgen um diese Zeit getötet habe!
Da fürchtete sich Elia. Er machte sich auf und lief um sein Leben und kam nach Beerscheba in die Wüste Juda und ließ seinen Diener dort.
Er aber ging in die Wüste eine Tagereise weit und kam und setzte sich unter einen Wacholder und wünschte sich zu sterben und sprach: Es ist genug. So nimm nun, HERR, meine Seele. Ich bin nicht besser als meine Väter.
Und er legte sich hin und schlief unter dem Wacholder.
„Es ist genug“, sagt Elia, nach all den vielen Mühen und Kämpfen seines Lebens. „Ich kann nicht mehr“ – so habe ich schon manchen leidgeprüften Menschen seufzen hören. „Es ist genug, HERR. Genug der Schmerzen, genug der Schwachheit, genug der Plagerei. Ich kann nicht mehr.“
Wer wollte dem widersprechen? Mir bleibt oft das Wort im Hals stecken, wenn ein leidender Mensch mir seine Klage anvertraut. „Es ist genug. Ich will jetzt sterben.“
Elia hat vieles durchgemacht. Er hat gekämpft, gesiegt und verloren. Seine Lebenskraft ist geschwunden, er ist des Lebens müde.
„So nimm doch, HERR, mein Leben hin.“ Haben Sie so oder ähnlich auch schon einmal gebetet? Vielleicht damals, als Ihr Ehepartner starb oder gar ihr Kind? Oder nach einer schweren Operation, als Sie sich sterbenselend fühlten? Oder nach einem schlimmen Streit, wo Sie das Gefühl hatten: Keiner versteht mich, keiner hält zu mir.
„So nimm doch, HERR, mein Leben hin; denn ich bin nicht besser als meine Väter.“ Drückende Schuld kann unsere Lebensmüdigkeit noch verstärken.
In einer Mischung aus Wut und Leidenschaft war Elia weit über das Ziel hinausgeschossen und hatte 450 Baalspriester töten lassen. Er hatte ein furchtbares Blutbad angerichtet. Jetzt plagt ihn das schlechte Gewissen. „Ich bin nicht besser als meine Väter.“ Diese bittere Erkenntnis raubt ihm den letzten Lebenswillen. Sein leidenschaftlicher Kampf für Gott erscheint ihm plötzlich so sinnlos.
Wenn wir bei einem Streit unserer Wut freien Lauf gelassen haben und böse verletzende Worte gesagt haben, dann fühlen wir uns hinterher doppelt bestraft. Wir fühlen uns zurückgestoßen und gleichzeitig schuldig. Wir haben unseren inneren Frieden verloren und sehen keine Möglichkeit, ihn wieder zu finden.
Elia legt sich hin in der Hoffnung, nie mehr aufzuwachen. Wie viele Menschen haben sich das schon gewünscht: Abends einzuschlafen und morgens nicht mehr aufzuwachen. Und weil sich dieser Wunsch höchst selten erfüllt, versuchen immer wieder Menschen in ihrer totalen Verzweiflung, ihrem Leben selbst ein Ende zu setzen.
Am ersten Weihnachtsfeiertag war ich Augenzeuge eines solchen Dramas.
Doch hören wir, wie die Geschichte für Elia weiterging. Ich lese die nächsten Verse aus 1. Kö. 19:
Elia legte sich hin und schlief unter dem Wachholder. – Er wünschte sich, nie mehr aufzuwachen; endlich allen Härten des Lebens zu entrinnen. Doch siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iss! Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein Stück geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen. – Ein zweiter Versuch, der Schwermut zu entrinnen.
Und der Engel des HERRN kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.
Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb.
Gott lässt es nicht kalt, dass Elia verzweifelt und lebensmüde ist. Er antwortet auf seine klagende Bitte, wenn auch anders, als Elia es sich gewünscht hatte. In liebevoller Fürsorge schickt Gott seinen Engel zu ihm. Er straft ihn nicht dafür, dass er sich verrannt hat. Ganz im Gegenteil! Gott gibt ihm alles, was er braucht, um in der lebensfeindlichen Wüste zu überleben. In väterlicher und mütterlicher Liebe stillt Gott Elias menschliche Grundbedürfnisse: Schlafen, essen und trinken und vor allem liebende Zuwendung. „Steh auf und iss!“, ruft der Engel Elia zu.
Mitten in der Wüste unseres Lebens schickt Gott uns immer wieder Zeichen seiner Liebe. Er zeigt uns: Du bist nicht verlassen. Ich sehe dich in deinem Kummer. Ich weiß, was du brauchst. Ich bin da, auch mitten in der Wüste. Ich weiß, dass der Weg für dich allein zu weit ist. Ich schick dir meine Engel!
Als ich am 8. Januar Hals über Kopf ins Krankenhaus musste, habe ich das hautnah erlebt. Gott hat mir wochenlang immer wieder zweibeinige und auch unsichtbare Engel geschickt, die mich mit allem versorgt haben, was ich brauchte!
Gott kommt uns entgegen, mitten in den Wüsten unseres Lebens! Das haben wir an Weihnachten gefeiert. In Jesus ist er einer von uns geworden, um immer an unserer Seite zu sein; sei es in der Wüste, sei es im finsteren Tal, sei es in den frohen und glücklichen Tagen unseres Lebens – Jesus ist unser Weggefährte. Und wenn wir nicht mehr können, dann trägt er uns. Jesus ist unser Weggefährte und unsere Wegzehrung.
Gott weiß sehr wohl, dass wir vom Brot der Erde allein nicht leben können. Darum wird er selbst zum Brot für uns in Jesus Christus: Zum Brot des Lebens.
„Nimm und iss, das ist mein Leib, der für dich hingegeben wird.“ Mit diesen Worten lädt uns Jesus zu seinem heiligen Mahl ein. „Nimm und trink von der Quelle des Lebens.“ So gibt uns Jesus Anteil an seiner göttlichen Lebenskraft.
Der Prophet Elia konnte kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte wandern. So lange, bis er den Berg Gottes erreicht hatte.
Gottes Speise im Heiligen Mahl enthält alles, was wir für unsere Lebenswanderung brauchen. Kraft dieser Speise können wir auch die heißesten Tage und die dunkelsten Nächte durchstehen. Denn es ist Jesus selbst, der unter Brot und Wein in unser Leben kommt.
Bei ihm finden wir Vergebung und inneren Frieden, mögen wir uns auch noch so verrannt haben. An seiner Hand werden wir das Ziel unseres Lebens erreichen: Die ewige, ungetrübte Gemeinschaft mit Gott. Das ewige Leben, das er uns schenkt, wird nicht mehr überschattet sein von Schmerzen, Verzweiflung und Tod.
Gottes Liebe wird uns umhüllen und erfüllen und dann wird unsere Freude vollkommen sein!
Amen.
Annette Gerstner, Gemeindereferentin