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Predigt 1.Ptr.4, 7-11 
St.Georg/Arche
19./20.7.08

Von den wirklich wichtigen Dingen des Lebens



Schriftlesung:

Es ist aber nahe gekommen das Ende alle Dinge. So seid nun besonnen und nüchtern zum Gebet.

Vor allen Dingen habt untereinander beständige Liebe; denn „die Liebe deckt auch der Sünden Menge“ (Sprüche 10.12).

Seid gastfrei untereinander ohne Murren.

Und dient einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als die guten Haushalter der mancherlei Gnade Gottes: wenn jemand predigt, dass er´s rede als Gottes Wort; wenn jemand dient, dass er´s tue aus der Kraft, die Gott gewährt, damit in allen Dingen Gott gepriesen werde durch Jesus Christus. Sein ist die Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.




Liebe Gemeinde!

„Das Ende aller Dinge ist nahe.“ Solche Aussagen im Neuen Testament werden heute meist abgetan mit der Erklärung: Damals haben die Christen erwartet, dass Jesus bald wiederkommt. Aber die Geschichte zeigt uns, dass sie sich getäuscht haben.

„Das Ende aller Dinge ist nahe.“ Wie nahe es wirklich ist, wissen wir alle nicht. Aber es ist heilsam, wenn wir uns von Petrus aufrütteln lassen. Er will uns nämlich klarmachen: Es gibt im Leben Vorrangiges und Zweitrangiges. Wir Menschen neigen dazu, die zweitrangigen Dinge an die erste Stelle zu setzen, oft, ohne dass uns das so recht bewusst wird. Die Sorgen und Anforderungen des Alltags nehmen uns schnell gefangen und wir laufen wie der Hamster im Rad und sehen keine Möglichkeit, auszusteigen. Ich kenne das nur zu gut aus meiner eigenen Erfahrung.

 

Vor gut zwei Jahren war ich zu Einkehrtagen in einem Franziskanerkloster. An das Thema kann ich mich nicht mehr erinnern. Interessanterweise erinnere ich mich aber noch sehr gut an eine bestimmte Aufgabe, die uns gestellt wurde. Sie lautete:

Angenommen, sie wüssten, dass sie nur noch ein halbes Jahr zu leben hätten. Was würden sie unbedingt noch tun wollen? Was würden sie lassen? Was würden sie an ihrer jetzigen Lebensgestaltung ändern?

Vielleicht nehmen sie sich im Urlaub einmal eine Stunde Zeit für diese Frage. Schreiben Sie ihre Gedanken dazu auf, wie sie ihnen gerade kommen. Sie werden selbst überrascht sein, was ihnen da so alles durch den Kopf geht. Am Ende fragen sie sich ehrlich: Was kann und will ich HEUTE schon ändern? Welche Prioritäten möchte ich setzen? Was ist mir wirklich wichtig?

Wenn wir im Urlaub ein wenig Abstand von unserem Alltag gewonnen haben, können wir oft klarer erkennen, was uns wirklich wichtig ist für unser Leben.

 

Petrus nennt uns in seinem Brief vier Dinge, die aus Gottes Sicht zu den wirklich wichtigen Dingen des Lebens gehören: Nämlich beten, lieben, gastfrei sein und einander mit unseren Gaben dienen.

 

„Seid besonnen und nüchtern zum Gebet.“

Je voller der Terminkalender, umso größer ist die Versuchung, morgens nach einem eiligen Frühstück sich sofort in die Arbeit zu stürzen. „Seid besonnen und nüchtern zum Gebet.“ Das erfordert ein hohes Maß an Disziplin. Von Martin Luther stammt das bekannte Zitat: „Heute habe ich besonders viel Arbeit, deshalb nehme ich mir mehr Zeit fürs Gebet.“

Warum ist Gebet so wichtig? Nicht wegen der tausend Bitten, die wir Gott vortragen, sondern wegen der Beziehungspflege. Gott will unser Herz mit seiner Liebe berühren, jeden Tag neu. Er will uns vergewissern: Du bist wertvoll, du bist mein geliebtes Kind. Ich bin bei dir, was der Tag auch bringen mag. Ich nehme dich an der Hand und führe dich durch Hitze und Stürme.

In der Stille vor Gott empfangen wir Entlastung und Wegweisung. Er hilft uns, die Prioritäten richtig zu setzen, damit wir nicht untergehen im Strudel unseres Alltags. Er öffnet unser Herz und unsere Augen für die vielen kleinen Freuden und Wunder, an denen wir sonst achtlos vorbeilaufen. Ob wir uns gut oder schlecht fühlen, hängt in hohem Maß davon ab, ob der freundliche Gruß eines Bekannten, das Lachen eines Kindes, der blauen Himmel, die Blume, die an unerwarteter Stelle durch den Asphalt bricht, unser Herz erreichen oder nicht.

„Seid besonnen und nüchtern zum Gebet“ heißt mit anderen Worten: Öffnet euer Herz, damit Gott euch begegnen kann, damit Gott euch beschenken kann.

 

„Vor allen Dingen habt untereinander beständige Liebe“. Auch hier geht es um Beziehungspflege. Die Dinge vergehen. Die Liebe bleibt. Wir wissen es alle, und doch leben wir es so wenig. Bei meinen Besuchen im AWO Heim empfange ich viel Dankbarkeit. Eine halbe Stunde herzliche Zuwendung ist den Menschen mehr wert als Tausend Euro. Müssen wir erst 80 Jahre alt werden, um das zu begreifen?

„Die Liebe deckt auch der Sünden Menge“. Es geht nicht darum, Sünde zu verharmlosen oder unter den Teppich zu kehren, sondern sie dem zu übergeben, der uns zu Tode geliebt hat. Damit seine Vergebung greifen kann.

Ich kann das Böse, das andere mir zufügen, vergelten, indem ich sage: Wie du mir, so ich dir. Ich kann es aber auch Gott klagen und ihn bitten, dass er meine Wunden und Verletzungen heilt und mir hilft, dem anderen zu vergeben.

 

„Seid gastfrei untereinander ohne Murren“. Meistens sind es liebgewordene Freunde, die wir zu uns einladen. Aber da griechische Wort, das hier für gastfrei steht, heißt wörtlich übersetzt: Liebe zu Fremden. Ich kenne christliche Familien, die entdeckt haben, dass Gott ihnen in besonderer Weise die Gabe der Gastfreundschaft geschenkt hat. Sie laden flüchtige Bekannte zum Essen oder zu Unternehmungen ein und behandeln sie wie Freunde. Oft wachsen daraus im Lauf der Zeit echte Freundschaften und die neuen Freunde öffnen sich über kurz oder lang für den christlichen Glauben.

Zur Nachahmung empfohlen. In einer Atmosphäre der menschlichen Wertschätzung kann der Glaube an den menschenfreundlichen Gott reifen.

Das ist auch das Geheimnis der Hauskreise. Menschen öffnen ihr Wohnzimmer. Menschen kommen zu Hause zusammen, reden und beten miteinander, lesen gemeinsam die Bibel und überlegen, was das Gelesene für ihr Leben bedeutet. „Das ist aller Gastfreundschaft tiefster Sinn, dass einer dem andern Rast gebe auf dem Weg nach dem ewigen Zuhause.“ So der Theologe Romano Guardini.

 

Nicht jeder hat die Gabe der Gastfreundschaft, aber jeder Mensch hat von Gott eine oder mehrere Gaben mitbekommen. Der eine kann dies, der andere jenes. Gott möchte von jedem, dass die Gaben, die er uns geschenkt hat, zum gegenseitigen Nutzen eingesetzt werden. Auch der, der sich klein, schwach oder unbegabt fühlt, kann seinen unverwechselbaren Beitrag beisteuern. „Dient einander, ein jeder mit der Gabe, die er empfangen hat, als gute Haushalter der Gnade Gottes.“

Die große Aufgabe für uns als Gemeinde und für jeden Einzelnen ist es, miteinander zu entdecken, welche Gaben uns Gott geschenkt hat, was alles in uns steckt; gerade in denen, die sich zunächst einmal gar nichts zutrauen. Und dann ist es Aufgabe der Gemeinschaft, dass diese Gaben auch gefördert werden und zum Zuge kommen. Wir alle verlieren viel, wenn wir die Gaben der Gemeindeglieder unbeachtet verkümmern lassen.

Jede Gemeinde, auch jeder Verein, kämpft mit dem Problem, dass es immer die gleichen wenigen Leute sind, die sich einbringen und die sich dann irgendwann überfordert fühlen. Wenn jeder seine noch so unscheinbare Gabe entdecken und einbringen würde, dann wäre uns allen geholfen. Meine Gabe einbringen – und zwar nach der Kraft, die Gott gewährt, und nicht bis zum Umfallen!

Das Ziel ist nicht, dass alle vor Erschöpfung stöhnen, sondern dass in allen Dingen Gott gepriesen werde durch Jesus Christus.

Wenn ich meine Gaben gemäß der Kraft, die Gott mir gibt, einsetze, beglückt das nicht nur die anderen, sondern auch mich selber.

 

So legt uns Petrus heute vier Dinge ans Herz, die aus Gottes Sicht zu den wirklich wichtigen Dingen im Leben gehören:

Die Gemeinschaft mit Gott im Gebet, die Liebe untereinander, die Gastfreundschaft und das Einsetzen unserer Gaben.

Amen.

 

 


 

Annette C. Gerstner, Gemeindereferentin