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Tot - und dann?
Predigt 2. Kor. 5, 1-10
St. Georg, Arche 15./16.11.2008


Textlesung:

 

1 Denn wir wissen: wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel. 2 Denn darum seufzen wir auch und sehnen uns danach, dass wir mit unserer Behausung, die vom Himmel ist, überkleidet werden, 3 weil wir dann bekleidet und nicht nackt befunden werden. 4 Denn solange wir in dieser Hütte sind, seufzen wir und sind beschwert, weil wir lieber nicht entkleidet, sondern überkleidet werden wollen, damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben. 5 Der uns aber dazu bereitet hat, das ist Gott, der uns als Unterpfand den Geist gegeben hat.
6 So sind wir denn allezeit getrost und wissen: solange wir im Leibe wohnen, weilen wir fern von dem Herrn; 7 denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen. 8 Wir sind aber getrost und haben vielmehr Lust, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn. 9 Darum setzen wir auch unsre Ehre darein, ob wir daheim sind oder in der Fremde, dass wir ihm wohlgefallen. 10 Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder böse.


Liebe Gemeinde!

Paulus vermittelt uns in unserem Briefabschnitt zwei gute und zwei weniger willkommene Nachrichten. Ich fange mit denen an, die uns weniger gefallen werden:

1. Das Sterben bleibt auch uns Christen nicht erspart und

2. müssen wir dann vor den Richterstuhl Christi treten.

 

Auch wenn wir persönlich z.Z. nicht davon berührt sind - die Gottesdienste an den Novembersonntagen konfrontieren uns mit dem Thema Sterben und Tod. Sterben gehört zum Leben, sagte mein Vater am Totenbett meiner Mutter- unter Tränen. Viele Menschen haben Angst davor; nicht unbedingt vor dem Tod, aber vor dem Sterben.

 

So sehr ich den Herbst liebe mit seinem goldenen Farbenspiel, mit Kastanien, Nüssen und Eicheln und bunten Blättern, so sehr schlägt es mir aufs Gemüt, wenn dann im November die Bäume endgültig kahl sind, wenn der Hochnebel keinen Sonnenstrahl durchlässt und es am Nachmittag schon wieder dunkel wird. Dieses Sterben der Natur macht vielen Menschen zu schaffen; um wie viel mehr das eigene Sterben oder das Sterben von Menschen, mit denen man sich eng verbunden fühlt.

 

Paulus spricht davon, dass unser irdisches Haus, diese Hütte, eines Tages abgebrochen wird. Damit meint er unseren Leib. Schon vom ersten Tag unsers Lebens an rütteln die Stürme des Lebens mehr oder weniger heftig an dieser Hütte, der Wind pfeift durch die Ritzen und schon bald sind wir gezwungen, zu reparieren, auszubessern und zu flicken. Der medizinische Fortschritt kann da wahre Wunder bewirken, wenn ich nur an meine zwei komplizierten Knochenbrüche denke. Aber früher oder später wird diese Hütte immer baufälliger, bis sie schließlich zusammenbricht. Da führt kein Weg dran vorbei.

 

Lieber wäre es uns, so schreibt auch Paulus, wenn wir aus diesem Leben sanft hinüber gleiten könnten in Gottes Ewigkeit, ohne sterben zu müssen. Ich denke, sterben ist die größte Vertrauensfrage dieser Welt. Da muss ich alles loslassen, da habe ich nichts mehr im Griff, da muss ich mich ganz und gar in Gottes Hand fallen lassen.

Menschen wie ich, die nicht gerne die Fäden aus der Hand geben, tun gut daran, das Loslassen in den kleinen Dingen schon jetzt zu üben.

 

Nun zum zweiten: Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi. Am Ende unseres irdischen Lebens müssen wir vor Gott Rechenschaft ablegen über unser Tun und Lassen. Soweit ich die Heilige Schrift verstehe, geht es dabei nicht um die Frage, ob wir die Ewigkeit bei Gott oder in der Gottesferne verbringen. Diese Frage entscheidet sich nicht an unseren Werken, sondern allein an unserer Beziehung zu Jesus Christus. Wer sein Leben im Vertrauen und in der Beziehung zu Christus gelebt hat, der ist von Gott angenommen für Zeit und Ewigkeit.

 

Aber unser Leben wird vor Gott offenbar werden und wir werden es noch einmal anschauen müssen, und zwar mit Gottes Augen. Diejenigen, die ihr Leben lang davon überzeugt waren: „Ich bin ein guter Mensch; ich kann mich gar nicht erinnern, jemals ernsthaft gesündigt zu haben“, die werden aufs Äußerste beschämt sein.

Die Skrupelanten, die ihr Leben lang dachten: „Was ich auch immer tue, nichts ist so rein und gut, dass es vor Gott Bestand haben könnte“, die werden auch beschämt sein; beschämt von der nie für möglich gehaltenen Barmherzigkeit Christi!

Paulus sagt, jeder wird den ihm angemessenen Lohn empfangen. Wie der aussieht, das ist Gottes Geheimnis.

 

Nun kommen wir zu den beiden guten Nachrichten, die Paulus uns mitteilt:

1. Wir bekommen nach dem Tod einen neuen, unzerstörbaren Leib von Gott.

Und wir bekommen 2. ein neues Zuhause, eine ewige Heimat, wo wir in unmittelbarer Gemeinschaft mit Gott leben werden.

 

„Wir wissen, wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel.“

Wir werden von Gott einen neuen Leib, einen Auferstehungsleib, bekommen. Wie der aussehen wird, ist Gottes Geheimnis.

 

Für mich ist das eine wunderbare Zusage, die mich von dem Wahn heilt, in diesem irdischen Leben bis ins hohe Alter um jeden Preis jung aussehen zu müssen. Unser jetziger Leib ist nicht für die Ewigkeit geschaffen, deshalb brauche ich auch keine Schönheitsoperationen, damit etwa meine Falten verschwinden. Im Gegenteil, meine Falten erinnern mich daran, dass Gott schon dabei ist, einen neuen Leib für mich zu kreieren, der viel schöner sein wird als alles, was von Menschenhand gemacht ist.

 

Die Bibel lässt keinen Zweifel daran, dass der Mensch als Person, als Individuum, erhalten bleibt über den Tod hinaus. Christen glauben nicht an die Wiedergeburt im Sinne von einem Weiterleben der Seele in einem anderen irdischen Lebewesen; auch nicht an eine Seelenwanderung. Wir glauben an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben, so wie wir es vorhin im Glaubensbekenntnis gesprochen haben.

 

Paulus kann es kaum erwarten, bis es soweit ist. Er schreibt: „Wir sind getrost und haben Lust, den Leib zu verlassen, und daheim zu sein beim Herrn.“ Das Wichtigste ist für ihn nicht der neue Leib, sondern das „Daheimsein beim HERRN.“

 

Daham ist daham, so sagen mir immer wieder Menschen im Pflegeheim, sie sich schwer damit abfinden können, dass sie ihr Haus oder ihre Wohnung verlassen mussten. Gerade für uns Nordeuropäer ist unser Zuhause ein hohes Gut, von dem wir uns nur schwer trennen. Es sind wohl weniger die gewohnten vier Wände, die wir um jeden Preis festhalten wollen, als vielmehr das Gefühl von Geborgenheit, Sicherheit und Unabhängigkeit.

 

Wahrscheinlich unternehmen wir auch die meisten unserer Reisen auf Grund der tief sitzenden, unbewussten Sehnsucht nach dem vollkommenen Ort, der keine Wünsche offen lässt, wo wir bedingungslos geliebt und angenommen sind und gleichzeitig in keiner Weise bevormundet werden. Jedenfalls kommt mir dieser Gedanke oft, wenn ich die Werbung von immer anspruchsvolleren Wellness-Hotels oder den verlockenden Slogan "all inclusive" lese.

 

Eins ist gewiss: Das Daheimsein beim HERRN wird alle Wellness-Angebote in den Schatten stellen. Hier und nur hier ist wirklich all inclusive. Daheim bei Gott wird unsere Sehnsucht ans Ziel kommen und für immer gestillt werden: Unsere Sehnsucht nach Zuwendung, nach Geborgenheit, nach Heimat.

Daheim zu sein beim HERRN, das ist das Ziel unserer Träume. Ich habe es schon einmal in einer Predigt gesagt: Auf meinem Grabstein soll einmal nicht stehen: „Hier ruht in Frieden“, sondern: „Endlich daheim!“ Daheim bei Jesus, daheim beim Vater und - daheim bei allen mir liebgewordenen Menschen, die mir im Glauben voraus gegangen sind.

 

„Ein Tag, der sagt´s dem andern,

mein Leben sie ein Wandern

zur großen Ewigkeit.

O Ewigkeit so schöne,

mein Herz an dich gewöhne.

Mein Heim ist nicht in dieser Zeit.“


Amen.

 
 

 

Annette C. Gerstner, Gemeindereferentin