Textlesung:
Liebe Gemeinde!
Paulus
vermittelt uns in unserem
Briefabschnitt zwei gute und zwei weniger willkommene Nachrichten. Ich
fange mit denen an, die uns weniger gefallen werden:
1. Das Sterben
bleibt auch uns
Christen nicht erspart und
2. müssen
wir dann vor den Richterstuhl Christi treten.
Auch wenn wir
persönlich z.Z. nicht davon berührt sind - die Gottesdienste
an den
Novembersonntagen konfrontieren uns mit dem Thema Sterben und Tod.
Sterben gehört zum Leben, sagte mein Vater am Totenbett meiner
Mutter-
unter Tränen. Viele Menschen haben Angst davor; nicht unbedingt
vor dem
Tod, aber vor dem Sterben.
So sehr ich den
Herbst liebe mit seinem goldenen Farbenspiel, mit Kastanien,
Nüssen und
Eicheln und bunten Blättern, so sehr schlägt es mir aufs
Gemüt, wenn
dann im November die Bäume endgültig kahl sind, wenn der
Hochnebel
keinen Sonnenstrahl durchlässt und es am Nachmittag schon wieder
dunkel
wird. Dieses Sterben der Natur macht vielen Menschen zu schaffen; um
wie
viel mehr das eigene Sterben oder das Sterben von Menschen, mit denen
man sich eng verbunden fühlt.
Paulus spricht
davon, dass unser irdisches Haus, diese Hütte, eines Tages
abgebrochen
wird. Damit meint er unseren Leib. Schon vom ersten Tag unsers Lebens
an
rütteln die Stürme des Lebens mehr oder weniger heftig an
dieser Hütte,
der Wind pfeift durch die Ritzen und schon bald sind wir gezwungen, zu
reparieren, auszubessern und zu flicken. Der medizinische Fortschritt
kann da wahre Wunder bewirken, wenn ich nur an meine zwei komplizierten
Knochenbrüche denke. Aber früher oder später wird diese
Hütte immer
baufälliger, bis sie schließlich zusammenbricht. Da
führt kein Weg dran
vorbei.
Lieber wäre
es uns,
so schreibt auch Paulus, wenn wir aus diesem Leben sanft hinüber
gleiten
könnten in Gottes Ewigkeit, ohne sterben zu müssen. Ich
denke, sterben
ist die größte Vertrauensfrage dieser Welt. Da muss ich
alles loslassen,
da habe ich nichts mehr im Griff, da muss ich mich ganz und gar in
Gottes Hand fallen lassen.
Menschen wie
ich, die nicht gerne die Fäden aus der Hand geben,
tun gut daran, das Loslassen in den kleinen Dingen schon jetzt zu
üben.
Nun zum zweiten:
Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi. Am
Ende
unseres irdischen Lebens müssen wir vor Gott Rechenschaft ablegen
über
unser Tun und Lassen. Soweit ich die Heilige Schrift verstehe, geht es
dabei nicht um die Frage, ob wir die Ewigkeit bei Gott oder in der
Gottesferne verbringen. Diese Frage entscheidet sich nicht an unseren
Werken, sondern allein an unserer Beziehung zu Jesus Christus. Wer sein
Leben im Vertrauen und in der Beziehung zu Christus gelebt hat, der ist
von Gott angenommen für Zeit und Ewigkeit.
Aber unser Leben
wird vor Gott offenbar werden und wir werden es noch einmal anschauen
müssen, und zwar mit Gottes Augen. Diejenigen, die ihr Leben lang
davon
überzeugt waren: „Ich bin ein guter Mensch; ich kann mich gar
nicht
erinnern, jemals ernsthaft gesündigt zu haben“, die werden aufs
Äußerste
beschämt sein.
Die
Skrupelanten, die ihr Leben lang dachten: „Was ich auch immer
tue, nichts ist so rein und gut, dass es vor Gott Bestand haben
könnte“,
die werden auch beschämt sein; beschämt von der nie für
möglich
gehaltenen Barmherzigkeit Christi!
Paulus sagt,
jeder wird den ihm angemessenen Lohn empfangen. Wie
der aussieht, das ist Gottes Geheimnis.
Nun kommen wir
zu
den beiden guten Nachrichten, die Paulus uns mitteilt:
1. Wir bekommen
nach dem Tod einen
neuen, unzerstörbaren Leib von Gott.
Und wir bekommen
2. ein neues Zuhause, eine ewige Heimat, wo wir
in unmittelbarer Gemeinschaft mit Gott leben werden.
„Wir wissen,
wenn
unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir
einen
Bau von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig
ist im
Himmel.“
Wir werden von
Gott
einen neuen Leib, einen Auferstehungsleib, bekommen. Wie der aussehen
wird, ist Gottes Geheimnis.
Für mich
ist das
eine wunderbare Zusage, die mich von dem Wahn heilt, in diesem
irdischen
Leben bis ins hohe Alter um jeden Preis jung aussehen zu müssen.
Unser
jetziger Leib ist nicht für die Ewigkeit geschaffen, deshalb
brauche ich
auch keine Schönheitsoperationen, damit etwa meine Falten
verschwinden.
Im Gegenteil, meine Falten erinnern mich daran, dass Gott schon dabei
ist, einen neuen Leib für mich zu kreieren, der viel schöner
sein wird
als alles, was von Menschenhand gemacht ist.
Die Bibel
lässt
keinen Zweifel daran, dass der Mensch als Person, als Individuum,
erhalten bleibt über den Tod hinaus. Christen glauben nicht an die
Wiedergeburt im Sinne von einem Weiterleben der Seele in einem anderen
irdischen Lebewesen; auch nicht an eine Seelenwanderung. Wir glauben an
die Auferstehung der Toten und das ewige Leben, so wie wir es vorhin im
Glaubensbekenntnis gesprochen haben.
Paulus kann es
kaum
erwarten, bis es soweit ist. Er schreibt: „Wir sind getrost und haben
Lust, den Leib zu verlassen, und daheim zu sein beim Herrn.“ Das
Wichtigste ist für ihn nicht der neue Leib, sondern das
„Daheimsein beim
HERRN.“
Daham ist daham,
so
sagen mir immer wieder Menschen im Pflegeheim, sie sich schwer damit
abfinden können, dass sie ihr Haus oder ihre Wohnung verlassen
mussten.
Gerade für uns Nordeuropäer ist unser Zuhause ein hohes Gut,
von dem wir
uns nur schwer trennen. Es sind wohl weniger die gewohnten vier
Wände,
die wir um jeden Preis festhalten wollen, als vielmehr das Gefühl
von
Geborgenheit, Sicherheit und Unabhängigkeit.
Wahrscheinlich
unternehmen wir auch die meisten unserer Reisen auf Grund der tief
sitzenden, unbewussten Sehnsucht nach dem vollkommenen Ort, der keine
Wünsche offen lässt, wo wir bedingungslos geliebt und
angenommen sind
und gleichzeitig in keiner Weise bevormundet werden. Jedenfalls kommt
mir dieser Gedanke oft, wenn ich die Werbung von immer
anspruchsvolleren
Wellness-Hotels oder den verlockenden Slogan "all inclusive"
lese.
Eins ist gewiss:
Das Daheimsein beim HERRN wird alle Wellness-Angebote in den Schatten
stellen. Hier und nur hier ist wirklich all inclusive. Daheim bei Gott
wird unsere Sehnsucht ans Ziel kommen und für immer gestillt
werden:
Unsere Sehnsucht nach Zuwendung, nach Geborgenheit, nach Heimat.
Daheim zu sein
beim HERRN, das ist
das Ziel unserer Träume. Ich habe es schon einmal in einer Predigt
gesagt: Auf meinem Grabstein soll einmal nicht stehen: „Hier ruht in
Frieden“, sondern: „Endlich daheim!“ Daheim bei Jesus, daheim beim
Vater
und - daheim bei allen mir liebgewordenen Menschen, die mir im Glauben
voraus gegangen sind.
„Ein Tag, der
sagt´s dem andern,
mein Leben sie
ein Wandern
zur großen
Ewigkeit.
O Ewigkeit so
schöne,
mein Herz an
dich gewöhne.
Amen.
Annette C. Gerstner, Gemeindereferentin