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Advent

Predigt Jes, 40,1-11 St. Georg/Arche  13.12.09

 

Liebe Gemeinde!

„Tröstet, tröstet mein Volk“. In diesen Adventstagen kommt Gott uns als der Tröstende entgegen. Und wie sehr brauchen wir diesen Trost!

Wenn ich das Radio oder die Tagesschau einschalte, kommt mir wenig Tröstliches entgegen. Da wird mir die harte Wirklichkeit vor Augen gestellt.

Firmen gehen pleite, Arbeitsplätze werden abgebaut, wo man nur hinschaut. Immer mehr Jugendliche laufen Amok, oder betrinken sich sinnlos oder strangulieren sich, um high zu werden.

In Folge der Finanzkrise verhungern in den armen Ländern immer mehr Kinder und Erwachsene.

 

 

Wie soll da adventliche oder gar weihnachtliche Stimmung aufkommen?

Selbst wenn wir das große Weltgeschehen nicht an uns herankommen lassen, die erschreckende Wirklichkeit erreicht uns auch ohne Medien, aus dem nächsten Familien- und Bekanntenkreis. Krankheiten, Sorgen und Nöte, wo man hinschaut. Kein Wunder, dass viele Menschen in Trostlosigkeit und Resignation versinken.

 

Da mitten hinein ruft der Prophet Jesaja uns zu: „Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott.“ Es gibt einen Lichtblick, es gibt Hoffnung, es gibt Zukunft, trotz allem!

 

Das Volk Israel hatte damals mit seiner Schaukelpolitik die Katastrophe selbst herbeigeführt. Je nach politischer Situation hatten sie sich mal mit dieser, mal mit jener Großmacht verbündet, statt ihr Vertrauen auf Gott zu setzen. Nun hatten sie alles verloren: Ihr Land, ihre Heimat und, was wohl das schlimmste war, den Tempel als Ort der Gegenwart Gottes. Sie fühlten sich von Gott verlassen, ohne geistliche Heimat.

„An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten,

wenn wir an Zion gedachten.

Unsere Harfen hängten wir an die Weiden dort im Lande.

Wie könnten wir des HERRN Lied singen in fremdem Lande?“

So lesen wir in Psalm 137.

 

Der Mensch ist wie Gras. Diese bittere Erfahrung bleibt auch uns nicht erspart. Immer wieder werden wir mit unserer Ohnmacht und Vergänglichkeit konfrontiert; und mit unsrer Schuld. Wir verdorren wie Gras, verwelken wie eine Blume. Wenn wir auf den Menschen schauen, auf das Menschenmögliche, auf uns selber, dann ist unsere Hoffnung schnell erloschen.

 

Darum ruft der Prophet uns zu: „Siehe!“, schau auf, wende dich Gott zu!

ER kommt! Mitten in all dem, was euch widerfährt, kommt Gott auf euch zu! ER will euch vergeben, er will euch seine Herrlichkeit zeigen. ER kommt als euer Hirte, um euch zu führen, zu weiden, und zu tragen. Gott will sich euch zeigen: Spürbar, erfahrbar. ER kommt!

 

Das ist die Botschaft des Advent. Das ist die Botschaft, die uns vom Hocker reißen will. Gott kommt! Zu dir, zu uns.

Darum die Aufforderung:

„In der Wüste bereitet dem Herrn den Weg,

macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott!

Alle Täler sollen erhöht werden, alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden.“

 

Freie Bahn für Gott – wie kann ich dazu beitragen?

Zuallererst, indem ich die Wüste in meinem eigenen Herzen zur Kenntnis nehme, das Tohuwabohu in meinem eigenen Herzen Gott hinhalte.

Sie alle haben heute instinktiv das Richtige getan: Sich Zeit genommen für Gott, die Gemeinschaft mit andern Christen aufgesucht, um gemeinsam Gottesdienst zu feiern. Gerade in Durststrecken des Glaubens brauchen wir einander. Wo ich selbst keine Worte finde, darf ich mich tragen lassen vom Gebet der anderen. Die Lieder helfen mir, mein Herz für Gott zu öffnen und meine Sehnsucht auszudrücken. Meine Sehnsucht nach Zuwendung, nach Licht, nach Frieden.

Meine Sehnsucht ist der Weg, auf dem Gott mir entgegeneilt. Wie es uns das Gleichnis vom verlorenen Sohn vor Augen malt: „Als er noch weit entfernt war, sah ihn sein Vater und es jammerte ihn und er lief ihm entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn.“

Meine Sehnsucht ist der Weg, auf dem Gott mir entgegeneilt.

 

„Alle Täler sollen erhöht werden“, ruft der Prophet uns zu.

Gibt es solche Täler, solche Gräben in ihrem Leben? Gräben, die sie von anderen Menschen trennen? Gibt es einen Menschen, von dem sie sagen: „Der ist für mich gestorben“, einen Menschen, mit dem sie kein Wort mehr reden? Vielleicht nur noch über den Rechtsanwalt verhandeln? Was für Abgründe von Feindseligkeit können sich zwischen Menschen auftun.

Als ich kürzlich die A9 hochfuhr, Richtung Bayreuth, dachte ich: Wie viel leichter war es doch, diese sechsspurige Autobahn auszubauen: Eine Schneise durch den Wald schlagen, Felsen wegsprengen, das weite Tal überbrücken – unsere Technik machts möglich.

Viel schwerer ist das, was Gott uns abverlangt: Abgründe von Hass zu überbrücken, den Baum der Unversöhnlichkeit zu fällen, den Fels des Schweigens zu brechen.

Ein versöhnlicher Brief, ein Anruf nach langem Schweigen, eine Geste der Wertschätzung sind Wege, auf denen Gott zu uns kommt; und durch uns zum anderen.

 

„Alle Berge sollen erniedrigt werden“, lautet die nächste Aufforderung.

Eine bevorstehende Prüfung oder eine Schulaufgabe kann sich wie ein Berg vor uns auftürmen. Oder wir kennen alle das Gefühl, Berge von Arbeit vor uns zu sehen. Auch Nöte können uns wie unüberwindliche Berge vom Leben abschneiden.

Solche Berge kann keiner allein abtragen. Ich möchte ihnen Mut machen, Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn sie sich von solchen Bergen umgeben fühlen. Bitten sie jemanden, mit ihnen zu beten um Gottes Kraft und Beistand. Oft schrumpfen die Berge schon allein dadurch, dass ich mal mit jemand drüber rede.

Der Geist Gottes will uns allen die Augen öffnen, damit wir erkennen, wer unsere tatkräftige Hilfe braucht, wo wir mithelfen können, Berge zu erniedrigen. Mein offenes Ohr, mein betendes Herz, meine tatkräftige Hilfe sind Wege, auf denen Gott kommt. Zu mir und durch mich zu anderen.

 

So lässt Gott mitten in unserer Welt von Wüsten, Schluchten und Bergen seine Herrlichkeit aufleuchten. Ja mehr noch: ER kommt selbst!

„Er kommt, er kommt mit Willen,

ist voller Lieb und Lust,

all Angst und Not zu stillen,

die ihm an euch bewusst.“

So drückt es Paul Gerhardt in seinem Adventslied aus.

 

„Siehe, da ist euer Gott!“ Er kommt unserer Sehnsucht entgegen und stillt sie mit seiner Liebe. Er steigt auf den wackeligen Steg, den wir versuchen zu bauen, und verwandelt ihn in eine tragfähige Brücke der Versöhnung. Er kommt zu uns über die Berge von Sorgen und Nöten und zeigt uns das Land der Verheißung.

 

ER kommt zu uns als der gute Hirte, um uns zu den besten Weideplätzen zu führen. Er sammelt uns versprengte und oft dickköpfige Schafe zu einer tragfähigen Gemeinschaft. Wenn uns die Kraft ausgeht, nimmt er uns in seinen Arm und trägt uns im Bausch seines Gewandes.

ER kommt zu uns als der Tröster, damit wir andere trösten können mit dem Trost, den wir von ihm empfangen.

Amen.

 

 

Annette C. Gerstner, Gemeindereferentin