
1.
So. nach Epiphanias
Textlesung:
Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.
Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.
Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich´s gebührt zu halten, sondern dass er maßvoll von sich halte, ein jeder, wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat.
Liebe
Gemeinde!
Nachdem Paulus in den ersten elf Kapiteln seines Briefes seine Theologie entfaltet hat, kommt er nun zu den lebenspraktischen Konsequenzen, die daraus folgen.
Grundlage seiner Ethik - so betont er hier noch einmal - ist die Barmherzigkeit Gottes, die in Jesus Christus sichtbar geworden ist.
Seine zahlreichen Ermahnungen wollen kein richterliches Gesetz sein, sondern barmherzige Wegweisung.
Zwei seiner grundlegenden Ermahnungen wollen wir heute bedenken.
1. Mit Leib und Leben für Gott da sein - das sei euer Gottesdienst.
2. Denkt um!
Zunächst zur ersten Ermahnung:
„Mit Leib und Leben für Gott da sein - das sei euer Gottesdienst.“
Das Thema Gottesdienst ist also nicht mit der einen Stunde am Sonntagvormittag abgehakt für den Rest der Woche.
„Mit Leib und Leben für Gott da sein“ - das klingt für mich zunächst wie ein ungeheurer Anspruch. Will ich das überhaupt? Hier und da mal ein paar Stunden für Gott einsetzen, das ist ja ganz o.k. Aber mit Leib und Leben, als lebendiges, heiliges Opfer, wie Paulus weiter ausführt?
Nein danke, höre ich viele Zeitgenossen sagen. Ich will schließlich auch noch was vom Leben haben. Es ist kurz genug.
Kennen Sie solche Gedanken? Ich kenne sie aus meinem eigenen Herzen. Aber ich weiß, dass sie schief sind.
Lange bevor ich mit Leib und Leben für Gott da bin, ist ER mit Leib und Leben für mich da! Es geht um die Einladung zu einer Beziehung, die noch tiefer und intensiver ist als eine Mutter-Kind-Beziehung in den ersten Lebensjahren oder die Beziehung zwischen Mann und Frau in der Ehe.
Es geht um ein Hand in Hand mit Gott durchs Leben gehen, ja mehr noch, um ein Herz in Herz mit Gott durchs Leben gehen.
Dazu müssen wir nicht ins Kloster eintreten oder Pfarrer oder Missionar werden. Unser ganz normales, tägliches Leben, so wie es ist, ist der Gottesdienst, von dem Paulus spricht. Baby wickeln, Wohnzimmer saugen, Töpfe spülen, nervige Kinder ertragen ist genau so Gottesdienst wie jede berufliche Aufgabe. Wenn ich das, was ich sowieso tun muss und tue, als Gottesdienst ansehe, verändern sich zwar meine Aufgaben in keiner Weise, aber meine Einstellung zu den Aufgaben und meine Beziehung zu Gott verändern sich enorm.
Das Gebet der Hausfrau, das Theresa von Avila zugeschrieben wird, bringt das wunderbar zum Ausdruck. Ich lese Ihnen einige Auszüge daraus:
„Herr der Töpfe und Pfannen, mache mich zu einer Heiligen, indem ich Mahlzeiten zubereite und Teller wasche.
Nimm an meine rauen Hände, weil sie für dich rau geworden sind. Kannst du meinen Spüllappen als einen Geigenbogen gelten lassen, der himmlische Harmonie hervorbringt auf einer Pfanne? Sie ist so schwer zu reinigen und ach, so abscheulich. Hörst du, lieber Herr, die Musik, die ich meine?
Erinnere mich an alles, was ich leicht vergesse; nicht nur, um Treppen zu sparen, sondern dass mein vollendet gedeckter Tisch ein Gebet werde.
Wenn ich die schwarzen Schuhe putze, versuche ich, Herr, deine Sandalen zu finden. Ich denke daran, wie sie auf Erden gewandelt sind, wenn ich den Boden schrubbe.
Herr, erwärme die ganze Küche mit deiner Liebe und erleuchte sie mit deinem Frieden.“
Gottesdienst ist keine Einbahnstrasse. Wenn ich versuche, meine Aufgaben als Gottesdienst zu tun, erlebe ich Gottes Gegenwart auf Schritt und Tritt.
Ich erlebe Gottes Gegenwart z. B. in der Hingabe, mit der ein Drittklässler sein Bild ins Reliheft malt, dasselbe Kind, das mich eben noch genervt hat bis an die Grenzen meiner Geduld.
Oder ich erlebe, dass mich Gott genau im richtigen Moment an etwas ganz Wichtiges erinnert, was ich total vergessen hatte.
Wenn ich mich überwinde, eine unangenehme Sache in Angriff zu nehmen, erlebe ich, wie Gott mir durchhilft.
Gerade da, wo ich Zeit für andere opfere, bin ich am Ende oft die Beschenkte.
„Mit Leib und Leben für Gott da sein, das sei euer Gottesdienst.“
Dieser Gottesdienst des Lebens ereignet sich auch dann, wenn ich einen Spaziergang mache, die würzige Waldluft einatme und die Seele baumeln lasse. Oder wenn ich mich im Hallenbad entspanne oder auf meinem Balkon sitze und den Wolken zuschaue.
Herz in Herz mit Gott durchs Leben gehen – das sei euer Gottesdienst.
Nun kommen wir zur zweiten Ermahnung von Paulus:
Denkt um! Orientiert euch nicht an den Maßstäben dieser Welt, sondern an Gottes Maßstäben.
Dieses Umdenken, zu dem Paulus uns aufruft, ist wahrhaft radikal.
24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr werden uns die Maßstäbe der Welt eingetrichtert, ohne dass wir es recht merken. Es ist wie eine Art Gehirnwäsche. Vieles von dem, was uns gut, vernünftig und angemessen erscheint, ist es aus Gottes Sicht überhaupt nicht. Aber wir merken das nicht, weil wir Gottes Maßstäbe aus den Augen verloren haben oder für nicht praktikabel halten.
Paulus nimmt kein Blatt vor den Mund, er sagt uns klipp und klar: "Ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes". Oder, wie Jörg Zink übersetzt: " Wandelt euch! Werdet anders! Fangt bei der Erneuerung eurer Gedanken an!"
Sei es in der Schule, im Beruf, in der Politik, im Sport oder im gesellschaftlichen Leben – der Maßstab dieser Welt lautet:
Der Stärkere, der Couragiertere, der Intelligentere, der, der mehr Geld hat.... der macht das Rennen, der kommt ans Ziel, der gewinnt.
Wir Christen aber glauben an einen, der ohnmächtig ausgeliefert war; der am Ende nichts mehr geleistet, sondern nur noch erlitten hat, der - menschlich gesprochen - gescheitert ist und gerade so und nur so zum Ziel seiner Berufung gelangt ist.
Jesus ist die Stufen der Karriereleiter nicht hinauf, sondern hinunter gestiegen, um uns zu erlösen von den Maßstäben dieser Welt.
Aus Gottes Sicht besteht der Sinn und das Ziel unseres Lebens nicht darin, stärker, couragierter, gebildeter und reicher zu werden. Sein Ziel für unsere Leben ist, dass wir immer tiefer eintauchen in seine befreiende Gegenwart und in seine Liebe.
Wenn wir die vielen Sorgen, die wir uns z.B. um die schulischen Leistungen unserer Kinder machen oder um die Aufrechterhaltung unseres Wohlstandes - wenn wir solche Sorgen an Gottes Maßstäben messen würden, würden sie sich zu einem großen Teil in Luft auflösen.
Wir sind getauft auf den Namen dessen, der nicht nach dem Motto gehandelt hat: "Wie du mir, so ich dir", sondern der den Teufelskreis der Vergeltung unter Einsatz seines Lebens durchbrochen hat mit seiner Vergebung.
Als Christen sollten wir uns auf unsere Fahnen schreiben, was der Sonnenkönig Sarastro in Mozarts Zauberflöte singt: „In diesen heilgen Hallen kennt man die Rache nicht!“
Das ist der neue Maßstab, den Gott gesetzt hat. Und der gilt nicht nur für die große Politik, sondern auch in unseren Familien, in unserer Klasse, in unserer Firma. Wie anders sähen unsere verfahrenen Beziehungen aus, wenn wir Gottes Maßstab beherzigen würden: Vergebung statt Vergeltung.
Christliche Menschenwürde hat ganz viel mit Weihnachten und Ostern zu tun. Seit Gott in Christus im Futtertrog eines armseligen Stalles gelegen ist als neugeborenes Kind, seit er, blutig geschlagen, ein stundenlanges, qualvolles Sterben durchlitten hat, ist klar: Weder Folter noch Armut, weder Krankheit noch Behinderung können die von Gott gegebene Würde eines Menschen ankratzen.
Im Stall von Bethlehem und am Kreuz auf Golgatha hat Gott seine Maßstäbe gesetzt zu den Themen Leben und Sterben.
Solches Umdenken geschieht nicht von alleine. Es muss jeden Tag, in jeder Situation, neu erstritten werden. Deshalb ist Bibellesen so wichtig. Vieles von dem, was uns da quer kommt, gegen den Strich geht oder nicht praktikabel erscheint, deckt auf, wo unsere Maßstäbe nicht mit Gottes Maßstäben übereinstimmen.
Bibellesen heißt für mich, Gottes Maßstäbe inhalieren, so lange, bis sie auf mein Denken und Handeln abfärben.
So entpuppen sich die beiden Ermahnungen des Paulus als lebenslange Aufgaben:
Euer ganzes Leben sei ein Gottesdienst!
Und: Denkt radikal um und orientiert euch an Gottes Maßstäben!
Doch in all dem seid gewiss: Ihr könnt nie tiefer fallen als in die barmherzigen Arme Gottes.
Amen.
Annette Gerstner, Gemeindereferentin