
Predigt an Judika 2009 von Pfarrerin
Büttner (29.03.2009,
Matth. 20,20-28, Thema: Wahre
Größe im Reich Gottes )
Liebe Gemeinde!
Jesus und all diejenigen, die ihn
begleiten sind auf dem Weg nach Jerusalem. Sie sind schon nahe an die
Stadt herangekommen. Nicht mehr lange wird es dauern und sie werden in
Jerusalem einziehen.
Auch in unserem Kirchenjahr stehen wir
eine Woche vor Palmsonntag, wo wir an diesen Einzug Jesu nach
Jerusalem denken.
In dieser Situation wird uns von
intensiven Gesprächen berichtet. Oder von Wundern und
Begegnungen mit Menschen. Jesus zeigt, wer er ist. Es wird deutlich,
was Nachfolge bedeutet. Jesus ist daran gelegen seine zwölf
Jünger und all die anderen Jünger und Jüngerinnen zu
unterweisen, ihnen mitzugeben, was es heißt ein Leben in seinem
Sinn zu leben.
Und in diesen Gesprächen erfahren
wir auch viel über unsere menschliche Natur. Unsere Schwächen,
und hohen Pläne und Ziele, unser Scheitern und Unvermögen. Von einem
solchen Gespräch
berichtet uns unser heutiger Predigttext:
Liebe Gemeinde!
Zunächst musste ich bei der
Geschichte an so manche Grundschulklasse denken und die Diskussionen:
wer darf im Stuhlkreis neben der Lehrerin sitzen? Wer ist ihr am
nächsten?
Auf der Wanderung Jesu und all derer,
die ihn begleiten, da befinden sich Johannes und Jakobus irgendwann
neben Jesus. Links und rechts von ihm. Ob sie das lange geplant
haben, und es dann zufällig so aussehen haben lassen. Egal.
Sie verwickeln Jesus in ein Gespräch.
Das heißt, sie stellen eine Forderung an ihn: „Meister,
wir wollen, dass du für uns tust, um was wir dich bitten
werden.“
Ich gestehe, ich weiß nicht, ob
ich das nun ganz schön dreist und unverschämt finden soll.
In jedem Fall sehr mutig. Und vielleicht ja doch ganz pfiffig.
Wir Menschen sind sehr verschieden.
Ich weiß nicht, wie sie das bekommen, was sie wollen. Gehen Sie
den direkten Weg? So wie die beiden. Oder eher so von hinten mit der
Brust durchs Auge?
Die beiden gehen den direkten Weg. Und
ermutigend finde ich: Jesus weist sie auch nicht ab. Der Umgang mit
Menschen, die klar sind in ihrem Wesen, Handeln und Reden ist
leichter.
Jesus sagt auch nicht sofort „Nein“;
er fragt noch mal nach. Lockt sie noch weiter aus der Reserve.
„Was wollt ihr, dass ich für
euch tue.“ – fragt er. Und er fordert sie heraus, sich
genau zu überlegen und sich klar zu werden und zu formulieren,
was sie wollen.
Johannes und Jakobus – da sind
sie wieder. Sie gehören zu den bekannteren Jüngern.
Zusammen mit Petrus waren diese beiden mit auf dem Berg der
Verklärung – da haben wir schon von ihnen gehört.
Sie sahen, als Jesus dort verwandelt
wurde und haben schon einen Vorgeschmack auf Jesu Auferstehung
bekommen. Diese Drei wird Jesus mit sich nehmen
in den Garten Gethsemane, als er vor Gott im Gebet um sein Leben
ringt.
Johannes und Jakobus – neben
Petrus- schon immer etwas Besonderes innerhalb der Jüngerschaft
und nun wollen sie also ihre hervorgehobene Stellung auch im Himmel
sichern. Sie bitten Jesus um die Plätze zu
seiner Linken und zu seiner Rechten.
Durchaus vorausschauend ihr Handeln.
Sie sorgen vor, überlassen nichts dem Zufall. Rechtzeitig dran
sein, um nicht zu spät zu kommen. Die anderen sind sauer und regen sich
auf, als sie davon mitbekommen. Doch sicher nicht nur, weil sie sich
übergangen fühlen, sondern auch, weil sie wohl ähnliche
Erwartungen haben.
Aber vielleicht haben sie gedacht, es
muss doch Jesus von selbst auffallen, was ich von ihm halte, so dass
das auch gewürdigt wird.
Zwei Verhaltensweisen, die uns bis
heute bekannt sein dürften. Die einen, die schon für sich
selber sorgen. Rechtzeitig auf ihre Verdienste
aufmerksam machen, damit man nur ja nicht zu kurz kommt, wenn es etwas
zu verteilen gibt. Sei es Anerkennung oder materielle
Dinge.
Die anderen, die gewissenhaft ihre
Arbeit tun und hoffen, dass es dem Chef, der Lehrerin schon
von selbst auffallen wird und er oder sie es entsprechend honoriert.
Liebe Gemeinde!
Viele Selbsthilferatgeber sind auf dem
Markt, die uns mehr oder weniger einhellig sagen, dass das stille und
geduldige Abwarten nicht zum Erfolg führt.
‚Arbeite hart und sage es auch’
– lautet die Devise. Lobe dich selbst. Rück dich ins
rechte Licht. Weise auf dein Engagement hin und fordere deine
Anerkennung auch ein.
Erst dann wird es auch entsprechend
gewürdigt von anderen. Es scheint etwas dran zu sein. In der
Arbeitswelt funktioniert das so.
Auch in der Gemeinde Jesu?
Bemerkenswert finde ich, dass Jesus
ihren Wunsch nicht einfach abweist. Sie dürfen etwas wollen. Er
fragt sie sogar noch einmal ganz gezielt danach: Was wollt ihr? Und sie
können
ihren Wunsch äußern.
Aber worum geht es in diesem Wunsch?
Meister, lass uns beide doch ganz
dicht bei dir sitzen! Die anderen zehn Jünger sollen sich dann
ruhig ärgern!
Ja, liebe Gemeinde, wir sind
Weltmeister im Aufpäppeln des eigenen Selbstbewusstseins
dadurch, dass wir andere in unserem Bewusstsein unter uns stellen.
Die eigene Größe haben wir dadurch, dass wir auf andere
Herabschauen, wir definieren unser Selbst auf Kosten anderer.
In der Kirche haben wir dann noch ein
ganz eigenes Abstufungssystem... – es geschieht dadurch, dass
die Nähe zu Gott als Kriterium für die Statusdefinition
missbraucht wird: Wir sind näher an Gott als ihr - wie gut das
tut! Wir verstehen mehr als ihr. Unser Krieg ist gottgewollter und
gerechter als eurer. Wir kennen den Willen Gottes.
Doch in Wahrheit gibt es keine
"Gott-näheren", keine gerechten Kriege, nur
selbstgerechte Krieger, so wie es auch selbstgerechte
Friedensdemonstranten gibt. "Ihr wisst nicht, worum ihr
bittet", entgegnet Jesus.
Zum Wohle unseres Selbstwertgefühls
stufen wir ab - und bringen unendlichen Ärger, unendliche
Eifersucht, unendliche Verletzung in die Welt. Woher beziehen wir
unser Selbstwertgefühl?, fragt uns der Text. Die erste Antwort
lautet: Aus dem Herabschauen auf andere. Blamabel zerren Jakobus und
Johannes unser Menschsein ans Licht.
Ihr wisst nicht worum ihr bittet sagt
Jesus und dass es ihm nicht zusteht, die Plätze im Himmel zu
verteilen. Allein Gott steht es zu.
Und darüber hinaus, sind sie sich
nicht vollständig im Klaren, was es bedeutet den Kelch zu trinken,
den Jesus trinkt. Auch wenn Jakobus später als
Märtyrer für den Glauben sterben wird – sind sie sich
nicht im Klaren, was es heißt mit der Taufe
getauft zu werden,mit der Jesus getauft wurde.
Das Schicksal Jesu ist nicht zu
vergleichen. Das Schicksal Jesu ist nicht nachzuleben. Es ist und
bleibt einmalig.Das entlastet dann auch all die, die
ihm nachfolgen. Wie gesagt: Irgendwann bekommen all
das, was da passiert ist ja die mit, die noch mit auf dem Weg sind.
Und sie sind unwillig – heißt es.
Jesus bleibt stehen und versammelt alle um sich und hält es für nötig mit allen zu reden, Aufklärung zu betreiben....da hat vielleicht jeder wieder nur so ein wenig mitbekommen, und ist zudem verärgert und dann ist davon auszugehen, dass dies nun weitererzählt wird. Und in all dem Ärger und Halbwissen wird eine ganz andere Geschichte daraus.
Und Jesus spricht nun zu ihnen:Ihr
wisst, die als Herrscher gelten,
halten ihre Völker nieder und ihre Mächtigen tun ihnen
Gewalt an.
Ein Wort wie für unsere Zeit
gesagt.Jesus sieht sehr weit. Oder anders
gesagt: Jesus ist sehr realistisch.Er sieht die damaligen Machthaber –
wie
z.B. den Herodes, der Johannes den Täufer
hinrichten ließ- und er rechnet sich aus, dass das zu späteren
Zeiten nicht viel anders sein wird.
Er kennt die Menschen und es scheint
so, dass er nicht daran glaubt, dass sie
sich je ändern werden.Bis auf den heutigen Tag.
Wir schauen nach Afrika, in den Iran;
die Beispiele Irak und Afghanistan flimmern noch immer beinahe jeden
Tag in unser Wohnzimmer.
Einzelne Menschen und ein gesamter
Machtapparat kann ein Volk terrorisieren.Haben unendliche Reichtümer
angehäuft und daneben verhungern Menschen, vor
allem Kinder, weil sie nicht genügend zu essen
bekommen.Kranke bekommen keine Medikamente.Die Macht als Selbstzweck.
Die Macht, die dazu dient, sich einen
Namen zu machen, wenn auch einen, der Angst und
Schrecken verbreitet.
Die Macht um der Macht willen, und
nicht, um damit zu helfen, um damit für alle das Beste versuchen
zu erreichen.Doch wie sieht es aus in unseren
westlichen Demokratien.
Dort ist Macht und Herrschaft
begrenzt. Durch Zeit. Durch Wahl. Dadurch, dass nicht nur ein Mensch an
der Spitze steht und zu entscheiden hat, sondern mehrere Staatsorgane
an der
Macht beteiligt sind. Das soll Machtmissbrauch begrenzen.
Gilt hier das Jesuswort also nicht? Ich
denke wir müssen
unterscheiden, zwischen der Staatsform und den
Menschen, die sie ausfüllen. Die Demokratie ist m.E. die
bestmögliche aller Staatsformen.Doch wir können nicht sicher
sein, dass es nicht auch hier zu Machtmissbrauch kommt – wie
Jesus sagt. Um an der Macht zu bleiben, werden den Wählern wichtige
Informationen verheimlicht. Wiederum: die Macht um der Macht
Willen.
Um an die Macht zu gelangen werden
Versprechungen gemacht, die entweder nicht gehalten werden, oder die
schädlich sind für das Volk oder die ganze Menschheit.
Macht, um sich persönlich zu bereichern. Die Staatsform allein
verhindert nicht
schon Unrecht, dass von Menschen begangen wird. Im
Namen der Macht.
„Aber so ist es unter euch
nicht“ - sagt Jesus. Das ist ebenso eine Feststellung. Sind die Jünger
andere Menschen?
Leben im Raum der Kirche ganz andere Menschen als in der Welt da
draußen. Ich fürchte: nein.
Jesus ist sich dessen schon bewusst
und will trotzdem für seine Lebenshaltung werben. Jesus führt weiter
aus, wie er
sich das vorstellt das Leben in seinem Jüngerkreis; das Leben in
seiner Gemeinde:
„Wer groß sein will unter
euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein
will, der soll aller Knecht sein.“
Was heißt Diener, Dienerin sein? Immer mehr zu geben, als zu bekommen?
Oder gar sich selber aufgeben. Keine sehr verlockenden Aussichten.
Schon dann nicht, wo heute immer mehr
Menschen meinen, sie seien der Mittelpunkt des Universums und es gehe
immer nur darum, in jedem Fall mehr zu bekommen und zu schauen, dass
man nicht zu Kurz kommt.
Was meint Jesus mit „Dienen“? Es geht nicht
um das, was man lange
Zeit als christliche Demut missverstanden hat. Es geht nicht um die
mehr oder weniger passive Bescheidenheit, nicht das gehorsame
Befolgen von jedem beliebigen Auftrag.
Aber es geht um Solidarität. Und da geht es auch zeitweise darum, dass ich bereit bin, aktuell mehr zu geben, als ich wiederbekomme. Das gilt sicher nicht für ein ganzes Leben; aber es geht um die grundsätzliche Bereitschaft, um höherer Ziele zurückzustecken, von sich auch absehen zu können. Sich selber nicht zu wichtig zu nehmen.
Eine Haltung, die immer aufrechnet, ob
die Rechnung zwischen dem was ich
Einbringe und dem was ich
rausbekomme aufgeht, zerstört solidarische Beziehungen.
Für manche sind ihre drei
wichtigsten Wörter: Ich, ich, ich.... Es geht aber darum, dem anderen
Gönnen
zu können.
Der anderen zum Glück zu
verhelfen. Es geht darum, für andere Da zu sein. Es geht um das
Geben. Es geht um das sich Verströmen. Es geht darum, sich für
andere Einzusetzen.
Es geht auch um die Akzeptanz des
anderen Menschen in partnerschaftlicher Offenheit. Es geht um
Interesse, und Verantwortung.
Aber nicht in einer Opferhaltung oder
Opfermentalität, sondern Jesus will Menschen, die aus freien
Stücken und in Überzeugung für andere eintreten. Denn Jesus lässt das
‚Groß-sein
wollen’ gelten. Aber für ihn ist eine andere Haltung groß.
„Wer groß sein will“ – sagt er.
Das Dienen soll aber heraus aus dem
Dunstkreis grauer, verdrossener Pflichtübung. Denn Helfen,
dienen, sich einsetzen, sich engagieren kann Freude machen. Man kann
Erfüllung finden. Man kann sich Entfalten und zu dem werden, was
man ist. Und: zu einem selbst bestimmten
Solidarisch sein, gehört dann auch, mal ‚Nein’
zu sagen.
Das mache ich jetzt nicht. Das sollen jetzt mal andere tun. Miteinander zu dienen in der Gemeinde Christi heißt nicht, dass auch hier wieder die einen dienen, während die anderen bedient werden. Miteinander in der Gemeinde Christi zu dienen heißt, dies gemeinsam zu tun für andere.
Diese beiden Jünger haben versucht ihr Selbstwertgefühl aus der Nähe zu Gott zu beziehen. Das ist ja grundsätzlich richtig. Lässt sich dies auch so verwirklichen, dass es nicht auf Kosten der anderen geschieht? Im selben Kapitel des Markusevangeliums wird Jesus der Erwachsenen und ihrer Spielchen überdrüssig. Er wendet sich den Kindern zu und schließt sie unvermittelt in die Arme: sie, die in der Antike keine eigene Würde besaßen; auf die alle herabschauten.
In dieser Umarmung ist kein Platz mehr für "wer ist näher dran, wer weiter; wer links und wer rechts." Da ist keine Zeit zum Vergleichen. Da ist nur noch der Herzschlag zu spüren; der Atem, die Wärme. In dieser Umarmung dämmert uns etwas von dem Eigenwert, den wir haben dürfen, ohne ihn über den Status der anderen definieren zu müssen. In dieser Umarmung beginnen wir etwas von unserem Selbstwert zu spüren. Es ist die Umarmung desjenigen, "der nicht gekommen ist, sich dienen zu lassen, sondern zu dienen und sein Leben hinzugeben als Befreiungsgeld für die vielen."
Lassen auch wir uns von ihm umarmen. Amen.