Sonntag Rogate 29. Mai 20011 St. Georg, Wendelstetein / Arche,
Großschwarzenlohe
It’s me –
standing in the need of prayer
Und er sprach zu ihnen: Wenn jemand
unter euch einen Freund hat und ginge zu ihm um Mitternacht und
spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote;
denn mein Freund ist zu mir gekommen
auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann,
und der drinnen würde antworten
und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon
zugeschlossen, und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann
nicht aufstehen und dir etwas geben.
Ich sage euch: Und wenn er schon
nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, dann wird
er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm
geben, soviel er bedarf.
Und ich sage euch auch: Bittet, so
wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird
euch aufgetan.
Denn wer da bittet, der
empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft,
dem wird aufgetan.
Wo ist unter euch ein Vater, der
seinem Sohn, wenn der ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange für
den Fisch biete?
oder der ihm, wenn er um ein Ei
bittet, einen Skorpion dafür biete?
Wenn nun ihr, die ihr böse seid,
euren Kindern gute Gaben geben könnt, wieviel mehr wird der Vater
im Himmel den heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!
Lukas
11, 5-13
Liebe Gemeinde in
Wendelstein,
Das ist ziemlich einfach mit der Botschaft dieses Sonntags: Betet!
Daran werden wir erinnert, dazu werden wir aufgefordert. Es ist schon
ziemlich skurril. Da ist uns das schönste Privileg zugesprochen,
Gott, den Allmächtigen und Heiligen ansprechen zu dürfen als
unseren gütigen Vater im Himmel. Gott ist für uns stets
online bei „faithbook“.
Aber statt zu sagen, „das gefällt mir“ und uns flugs
einzuloggen, lassen wir uns gnädigst bitten. Um in der Bilderwelt
des Internetanbieters zu bleiben, kriegen wir vom heutigen Sonntag die
Nachricht auf unsere mailbox: „Ein Freund wartet auf Deine
Antwort.“
Das ist vielleicht übertrieben betrachtet, denn schließlich
beten wir doch wohl alle, hier in der Kirche, aber auch daheim, in
Notsituationen vielleicht mehr als gewöhnlich, aber doch immerhin.
Aber es ist wohl doch nachzudenken über unser Gebetsverhalten.
Was ist zum Ritual erstarrt? Was ist spontan? Beten wir nur, wenn wir
was wollen? Was ist mit dem Dank, dem Lob, dem Beten für andere?
Rechnen wir überhaupt damit, dass Gott unser Gebet wahrnimmt,
erhört? Wie ist es mit den unerhörten Gebeten? Wie mit Jesu
Rat: „Betet ohne Unterlass!“
Ganz klein und demütig werde ich im Glauben und dankbar zugleich,
dass Gott nicht einfach offline geht und uns abschaltet. Nein, gerade
das tut er nicht. Und so lass ich mich gern von der Botschaft dieses
Sonntags hinterfragen und erinnere mich an Jugendzeiten, als ich bei
der Kirche unterwegs auf Campingplätzen mitgearbeitet habe und wir
damals immer wieder ein Lied gesungen haben, das wie ein Ohrwurm in uns
wirkte: "Ist me, it’s me, it’s me, o Lord, standing in
the need of prayer!“
Ja, Amen, so ist es!
Wenn wir uns vorstellen, was ein Gebet
ist, dann denken wir zuerst einmal an Worte, gedacht oder gesprochen,
an Bitten für uns und andere, an Dank und Lob Gottes. Wir stellen
uns vor, wie unsere Worte und Gedanken an Gott herangetragen werden und
wir trauen uns das, in Jesu Namen, der uns sagen lehrte, Vater, lieber
Vater im Himmel.
Natürlich stimmt das, aber Voraussetzung dafür ist, dass da
ein Glaubensstrom zwischen mir und Gott besteht, nicht nur für den
Moment des Gebetes, sondern immer, unausgesprochen. Ich öffne mich
für Gott und ER legt mir SEINE Gaben in mein Leben. Drum ist die
Wortspielerei mit der Computersprache mehr als eine Spielerei. Sie
hilft uns vielleicht, einen Zugang zu finden, zu diesem Gedanken. Gott
ist immer „online“ und wenn ich „online“ bin,
kann jederzeit etwas hin und hergehen zwischen uns. „Betet ohne
Unterlass“ oder auch die Gebetserfahrung der Ostkirche mit dem
„immerwährenden Herzensgebet“, wird mir dann ganz
anders zugänglich. Es gibt einen ständigen Vertrauensfluss
zum HERRN, der dann die Worte findet: „DU bist bei mir!“
und einen ständigen Kraftzufluss Gottes in mein Leben, der etwa
die Worte findet: „Ich steh in meines HERREN Hand.“
Gefühle wandern da hin und her, Gedanken, Fragen und
natürlich immer wieder Bitten und Seufzer des Dankes. Gottes
Hände strecken sich uns entgegen und wir ergreifen sie. Wunderbar.
Die biblische Geschichte, das Gleichnis mit der Überschrift:
„Der bittende Freund“, lässt uns Anlässe und Art
des Betens betrachten, dazu die Verheißung, die unser Beten
trägt, auch, wie Gott Beten erhört.
Ein paar Punkte möchte ich festhalten:
Mein Beten wird hier beschrieben als bitten,
suchen und anklopfen, das ist das Leitmotiv. Wenn ich bete, bitte ich,
suche ich, klopfe ich an, meine Seele geht in Gedanken auf dem
Weg zu Gott, bittend, suchend, anklopfend. So aktiviere ich den
„Onlinedienst“ Gottes für mich. Sie wird angespornt
durch die gleichzeitig zugesagte Verheißung, die auf diesem Weg
spürbar wird. Ich bitte, ich erwarte, ich ersehne und Gott gibt,
lässt sich finden und öffnet sein Herz.
Dazu braucht es ein Gegenüber. Gebet ist eben mehr als ein
Gespräch meiner Seele mit mir selbst. Es geht über mich
hinaus und streckt mein Leben Gott entgegen. Dazu hat Gott den Menschen
SEINEN Namen gegeben: Jahwe, ICH bin für Euch da. Dazu hat
Jesus uns nahegebracht, Vater sagen zu dürfen: Vater unser im
Himmel!
Gott will uns damit locken, dass wir glauben sollen, ER sei unser
rechter Vater und wir SEINE rechten Kinder, damit wir getrost und mit
aller Zuversicht IHN bitten sollen wie die lieben Kinder ihren lieben
Vater.
(Martin Luther, Auslegung zur 1. Bitte des Vaterunsers)
Als Freund und Vater beschreibt unser Gleichnis Gott. So vertrauensvoll
und zugleich in der Gewissheit einer positiven Reaktion kann man sich
an den Freund wenden, auch mitten in der Nacht, auch zur Unzeit. (Man
muss sich einen Moment vorstellen, wie es bei der nächtlichen
Störung in dem Haus zuging. Alle schlafen in einem Raum, wenn da
nachts einer stört, wachen alle auf, der Vater muss über zig
Kinder steigen, bis er an die Tür kommt. Ganz schöne
Umstände, ausgesprochen lästig sogar.) Das ist das Bild, das
uns vor Augen gemalt wird.
Fazit: Gott ist mir gut, ich darf jederzeit bitten, suchen, anklopfen.
Nie bin ich IHM lästig.
It’s me, oh Lord, standing in the need of prayer.
Ich bin so froh, dass ich schließen darf,
dass auch meine Anliegen nicht lästig sind. Deswegen erzählt
Jesus ja so. Das Gleichnis erzählt nicht von einer Situation, in
der es um Tod und Leben geht. Nein, es ist etwas ganz
Alltägliches, eine Verlegenheit, die Auslöser des
nächtlichen Besuchs beim Freund ist.
Denkst Du nicht manchmal auch, dass man mit kleinem Alltagskram Gott
nicht belästigen dürfe. Irrtum! Man darf! Täuschen wir
uns nicht über den Prozentsatz, der in unserem Leben Alltagskram
ist. Warum sollten wir den von Gott fernhalten.
Anderes Beispiel unserer Denke: hast Du es nicht auch schon ein
wenig für einfältig gehalten, wenn im Fernsehen
Schwester Hanna im Kloster Kaltental, den HERRN darum bittet, dass sie
jetzt schnell ihren Schlüssel finden möge.
Und hast Du dann vielleicht auch gedacht, dass Gott wohl anderes zu tun
habe, als sich um solche Lappalien zu kümmern.
Aber genau das ist doch, zu bitten, wie die lieben Kinder ihren lieben
Vater. Dabei wächst der Pulsschlag, der Gott in meinem Leben
lebendige Präsenz gibt. Und es gehört auch im weiteren Sinn
zur der Bitte um das tägliche Brot.
Ich bringe mein Leben, mit allem, was es ausmacht, es sei groß
oder klein in die heilsame Gegenwart Gottes. Dazu ermutigt uns Jesus,
dies in SEINEM Namen zu tun. ER ist unser Gebetslehrer und
Brückenbauer zum allmächtigen Vater im Himmel.
Wir nehmen uns viel, wenn wir Gott nicht in unseren Alltag
hereinlassen wollen und IHN nur in den großen Lebensfragen
für zuständig halten.
Fazit: nichts ist in meinem Leben zu unbedeutend, dass es keinen Platz
am Herzen Gottes hätte.
It’s me….
Dazu gehört auch – heute würde man wohl sagen –
die Nachhaltigkeit, der Nachdruck meines Gebetes. Total menschlich
beschreibt die biblische Geschichte, das Drängen. In alten Bibeln
steht, als das Wort noch nicht anderweitig negativ wurde,
„um seines unverschämten Geilens willen.“ Man
hört den nächtlich Gestörten buchstäblich
sagen: „ja, damit Du endlich Ruhe gibst“. Und dass Kinder
mit Bitten ganz schön nerven können, ist uns allen schon mal
begegnet. Das also sind die Vorbilder für unser Bitten, Suchen und
Anklopfen.
Fazit: wenn wir beten gilt, was die Wendelsteiner oft mal in anderem
Sinne sagen: „Nur bloß net nachgeben“.
It’s me….
Aber, die Frage bleibt natürlich: Was kommt
zurück? Wie reagiert Gott auf mein Gebet?
Viele von uns können bezeugen, wie ihnen ein Gebet erhört
wurde. Bei größerer Sensibilität könnten wir
bezeugen, wie Gott unser Denken und Atmen ständig mit Leben
beantwortet, wie vieles, das wir schnöde Zufall nennen uns
tatsächlich zugefallen ist, eben aus Gottes Hand.
Trotzdem gibt es die bittere Erfahrung, dass vermeintlich - ich sage
bewusst: vermeintlich - Gebete nicht erhört wurden, schmerzlich
nicht erhört wurden. Da ist es zu billig, dem die Verantwortung
zuzuschieben, der gebetet hat. So, als habe er eben nicht ernstlich und
nachhaltig genug gebetet. Das ist eine Gemeinheit, die Fromme manchmal
Frommen antun. Was wissen wir, wie es im Herzen eines anderen aussieht?
Was wissen wir über sein Flehen, sein Suchen, sein Anklopfen?
Keiner kann doch sagen, dass Jesu Gebet in Gethsemane nicht ernsthaft,
nicht nachhaltig genug gewesen sei. Und trotzdem wird es offensichtlich
nicht in dem Sinne erhört, wie es gebetet war.
Aber selbst darf ich natürlich Fragezeichen an mein eigenes Beten
richten und mich durch die Botschaft der heiligen Schrift oder auch die
Botschaft des Sonntags Rogate fragen lassen. Wenn ich bete, wie steht
es mit dem Verhältnis von Bitten für mich, Bitten für
andere, Dank an Gott und das Lob Gottes im Gebet? So jedenfalls teilt
die Bibel Beten ein. Wie steht es mit den Gebeten für Gottes
Angelegenheiten, wie etwa das Vaterunser beginnt, oder mit dem
„uns“ des Vaterunser? Es kommt doch nicht von
ungefähr, dass da nicht“ Vater mein, mein täglich
Brot…, steht.
Ich möchte die Bitte ernst nehmen, die ich von Jesus gelernt habe:
„DEIN Wille geschehe“ oder, eben in Gethsemane gebetet:
„Nicht mein Wille, sondern DEIN Wille geschehe“!
Da liegt nämlich der wichtigste Schlüssel des Gebets.
Mein Wille, was ich mir wünsche und ersehne, was ich erbitte,
begegnet dem Willen Gottes und ER macht Heilsames für mich daraus.
Das kommt heraus, wenn ich bete. Heilsames für mich und andere.
Alltägliche Geschichten erzählt Jesus in SEINEM Gleichnis,
wie ein Freund den anderen bittet und wie der Freund hilft. Wie ein
Kind den Vater bittet und was der Vater gibt. Natürlich Gutes und
nichts Böses, auch wenn er nicht jeder kindlichen Bitte nachgeben
wird.
Diese Geschichten gipfeln in Worten Jesu, die wir in Goldlettern in
unser Herz einprägen dürfen: „Wie viel mehr!“
Wenn Menschen schon so freundlich miteinander umgehen können, wie
viel mehr Gott, der HERR der Liebe und Barmherzigkeit. Wenn Ihr schon
gute Gaben geben könnt, wie viel mehr ER.
„Wie viel mehr“, das ist keine Frage, sondern eine Antwort.
„So viel mehr, unendlich viel mehr.“
Diese Worte heben uns für diesen heilsamen Moment über
unseren Kleinglauben hinaus, wenn wir meinen, Gott habe unser Gebet
nicht erhört. Aber ER erhört unser Gebet und manchmal eben
auch „über unser Bitten und Verstehen“ hinaus.
Machen wir uns nichts vor, auch dies gehört zu unserem Bitten und
Wünschen, dass es Situationen gab, in denen wir für etwas
gebetet haben und nachher froh waren, wenn es nicht eingetreten ist.
Gott sieht in unserem Leben eben auch, was auf dem Lebensweg hinter der
nächsten Kurve ist.
Vielmehr wird Gott seinen heiligen Geist geben, denen die ihn bitten,
den Inbegriff SEINER Nähe und Begleitung in unserem Leben. Nun
könnte einer, der das Gefühl hat, sein Gebet wäre nicht
erhört worden, nassforsch sagen: „Davon kann ich mir nichts
runterbeißen“. Oder gemäß dem schwarzen
Kinderlied: „Mamatschi, ich wünsch mir ein Pferdchen“
in den immerwährenden Lebensrefrain einstimmen: „Nein,
solche Pferdchen habe ich nicht gewollt.“
Das Größte passiert dem Beter vielmehr, was Menschen
passieren kann, er ist eingetaucht in den Kraftfluss Gottes, Gottes
Heiligen Geist, der die eigene Lebenswirklichkeit
in das Licht Gottes stellt und vertrauen lässt auf den Mehrwert,
den Gott uns für Zeit und Ewigkeit zukommen lässt.
Eingetaucht in den Kraftfluss, der uns Gott entgegen wachsen lässt.
Unsere Gebete dürfen sich da getrost einbetten.
Heilsames wird daraus werden. Das ist gewiss!
Amen!
Pfarrer a.D. Horst Stanislaus